Dreaming with Open Eyes

Philipp Hirsch, Inside

Filmprogramm
Dienstag, 16 März 2010, 20-22 Uhr

Mit Filmem von
Carsten Nicolai, Christiane Wöhler, Volker Schreiner, Julian Rosefeldt, Thorsten Fleisch, Niklas Goldbach, Philipp Hirsch, Robert Seidel, Zeitguised, Yves Netzhammer, Daniel Burkhardt, Max Hattler, Astrid Rieger, Bjørn Melhus, Barbara Hlali, Timo Katz, Jan Verbeek, Julia Oschatz, David OReilly

Kurator
Robert Seidel

Ein Projekt der
Freien Kunstakademie Nürtingen e.V.
In Kooperation mit dem
Württembergischen Kunstverein

Das Screening „Dreaming with Open Eyes“ präsentiert 19 poetische Miniaturen sowohl junger als auch etablierter Videokünstler, die in ihren träumerischen Eigenarten von der Last des Alltags und der harten Ästhetik der Videokunst befreit sind. Durch die Ausweitung des oft rauen, realitätsverbundenen Mediums Video in die vielschichtigen Bereiche Malerei, Zeichnung, Skulptur und Architektur wird das latente Gefühl des schmachvollen „Fernseh-Sehens“ vertrieben. Dank dieser Reibung und dem Aufbrechen tradierter Konzepte und Kompositionen von Raum, Farbe, Licht, Zeit sowie Ton entstehen Werke, die sowohl inhaltlich als auch ästhetisch nur durch die thematische Klammer „Traum“ zu bändigen sind.

Träume spiegeln die Essenz unseres Lebens wider. Sie bilden eine verschlungene, unterbewusste Realität, die von jedweder Kontrolle des Verstandes befreit ist. Ihre verwobenen Filamente durchstoßen ungefiltert die Horizonte unserer Wünsche, Hoffnungen, aber auch Ängste. Das Medium Video erlaubt einen ähnlich entfesselt-schöpferischen Umgang, enthält aber das Versprechen der Wiederholbarkeit, während sich der Traum in seiner Linearität beim Aufwachen unwiederbringlich verliert.

Die spielerische Leichtigkeit von Kindern kommt dem Traum sehr nahe und den Filmemacherinnen Christiane Wöhler, Julia Oschatz und Astrid Rieger gelingt es diese fragilen Momente einzufangen. In ihren Arbeiten verschmelzen Geschichte und Gestalt, Nebensächliches wird übermächtig, und das „große Ganze“ rückt in den Hintergrund. Ohne belastendes Wissen oder Vergleiche werden selbst die kleinsten Facetten des Lebens genossen. Die Sensibilität ihrer Filme hinterlässt ein nostalgisches Lächeln, aber spart auch nicht die Verunsicherung aus, die unsere ersten, wackeligen Schritte in einer Welt aus Ungewissheiten hinterlassen.

Die heterotopischen Architekturen und urbanen Hierarchien der Arbeiten von Carsten Nicolai, Daniel Burkhardt und Niklas Goldbach scheinen anfangs die Realität wiederzugeben. Doch plötzlich gerät hier das strenge Bild aus den Fugen, sich wiederholende Muster werden isoliert und der musikalische Rhythmus der Stadt freigelegt oder die dystopische Kakophonie missgestalteter Bauhausideen entlarvt. Diese Wege der menschlichen Entwicklung schlagen sich im konstanten Wachstum unserer Städte nieder, in der Umwandlung in eine globale Megalopolis, die frei von natürlichen Spuren oder einer erkennbaren lokalen Geschichte ist. Julian Rosefeldt und Jan Verbeek nähern sich diesen hermetischen Betonlabyrinthen und entdecken neue, ritualisierte Choreographien des arbeitenden Menschen, der niemals vollständig erwacht, sondern in Tagträumen zu schweben scheint.

Philipp Hirsch und das Kollektiv Zeitguised erschaffen Traumlandschaften, fleischig-dichte Kollagen aus den Versatzstücken einer romantisierten Natur. Dank des gestalterischen Perfektionismus der Arbeiten entsteht ein mitreißender Sog aus scheinbar inkohärenten Details. Dabei entstehen unbekannte, aber äußerst glaubwürdige Welten sich verändernder Identitäten, durchdrungen von eigenen Naturgesetzen. Die Gesetze von Beziehungen wiederum werden in den äußerst unterschiedlichen Filmen von David OReilly, Barbara Hlali und Yves Netzhammer abstrahiert. Hier werden die be- oder entschleunigten Momente des Lebens aufgefächert, das komplette emotionale Spektrum zwischen Hass, Verwirrung, Schmerz, aber auch Hoffnung und Liebe durchlebt. Trotz nahezu widersprüchlicher Standpunkte wird am Ende jedes Filmes die janusköpfige Wahrheit von Schönheit in unserer zerbrechlichen Existenz enthüllt.

Bjørn Melhus, Max Hattler, Thorsten Fleisch und mein Film „_grau“ dringen tiefer vor, hinab in die im Dunkeln verborgenen Rhizome der Albträume. Ambivalente Geräusche und kleine Gesten symbolisieren hier den Zusammenbruch der Menschlichkeit durch die Mittel der heilsbringenden Wissenschaft. Die Szenarien erinnern an die tanzenden, schemenhaften Lichter, die durch das geschlossene Auge wahrgenommen werden und zerfasern das Gesehene in einen Reigen aus technokratisch potenzierter Natur, die sich schlussendlich in einer Kettenreaktion vollständig entlädt.

Die letzte Phase des Traumes ist der Moment des Aufwachens, indem Erträumtes und die noch entrückt wahrgenommene Realität verschwimmen, ja nahezu verschmieren. Volker Schreiner und Timo Katz retten diese schnell verblassenden, siechenden Erinnerungsfragmente und entlarven mit chirurgischer Präzision die in ihnen verborgene Anatomie unserer Träume: die vermeintliche Kontinuität zwischen 25 divergenten Lichtflächen pro Sekunde…
 
(Robert Seidel, Künstler und Kurator)
 
Filmliste
Carsten Nicolai / future past perfect part 3
Christiane Wöhler / Warte mal
Volker Schreiner / Counter
Julian Rosefeldt / Asylum
Thorsten Fleisch / Energie!
Niklas Goldbach / Habitat C3B
Philipp Hirsch / inside
Robert Seidel / _grau
Zeitguised / Peripetics
Yves Netzhammer / Bewegungloses abstossen
Daniel Burkhardt / Rauschen & Brausen I
Max Hattler / Collision
Astrid Rieger / Mammal
Bjørn Melhus / Murphy
Barbara Hlali / Busayyah
Timo Katz / Whirr
Jan Verbeek / Osmotic
Julia Oschatz / Fiction Follows Form
David OReilly / Please Say Something
 

deueng
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