Das Buch als konzeptuelles Werkzeug

Hebelwirkungen zwischen Kunst und Öffentlichkeiten

Mit Präsentationen von:
Peggy Buth
zu Katalog. Desire in Representation
Christoph Schäfer
zu Die Stadt ist unsere Fabrik
Jan Wenzel
zu Spector Books

Donnerstag, 16. Juni 2011, 19 Uhr

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Einführung

Christoph Schäfer, Die Stadt ist unsere Fabrik, 2010
Peggy Buth, Katalog. Desire in Representation, 2010

„In einem Buch gibt es nichts zu verstehen, aber viel, dessen man sich bedienen kann. Nichts zu interpretieren und zu bedeuten, aber viel, womit man experimentieren kann. Ein Buch muss mit etwas anderem ‚Maschine machen’, es muss ein kleines Werkzeug für ein Außen sein.“

So stellten sich Gilles Deleuze und Félix Guattari in ihrem Essay Rhizom in den 1970er Jahren die Zukunft des Mediums Buch vor.

Das Medium Buch hat im Feld der zeitgenössischen Kunst in den vergangenen Jahren stetig an Bedeutung gewonnen, als Medium der Präsentation, aber auch als Medium der Forschung und kritischen Befragung von gesellschaftspolitischen Realitäten, Diskursen und Repräsentationen. Es dient mehr denn je als Werkzeugkiste, oder wie es Deleuze / Guattari formulierten: „Es gibt keinen Tod des Buches, sondern eine neue Art zu lesen.“

Die Veranstaltung Das Buch als konzeptuelles Werkzeug greift das Format der Künstlerpublikation an Hand zweier Beispiele – den Büchern Katalog. Desire in Representation von Peggy Buth und Die Stadt ist unsere Fabrik von Christoph Schäfer – sowie der Position eines Kunstbuchverlages – Spector Books in Leipzig – auf.

Peggy Buths Katalog basiert auf der Ausstellung Desire in Representation, die 2009 im Württembergischen Kunstverein gezeigt wurde und die ihrerseits auf die gleichnamige zweibändige Künstlerpublikation (2008) zurückging. Der Katalog ist dabei kein klassischer Ausstellungskatalog, sondern Station eines vielschichtigen Übersetzungsprozesses zwischen Recherche, Buch, Ausstellung und Katalog.

Christoph Schäfers Publikation Die Stadt ist unsere Fabrik befasst sich, ausgehend von den Theorien des französischen Philosophen Henri Lefebvres, in Form von Zeichnungen und Texten mit den postindustriellen urbanen Realitäten und Imaginationen.

Beide Publikationen sind im Leipziger Verlag Spector Books erschienen, der sich auf die aufwändige Produktion von Künstlerbüchern spezialisiert hat. In einer dritten Präsentation stellt Jan Wenzel die Arbeit des Verlages vor, die in hohem Maße auf Austauschprozessen zwischen künstlerischen, wissenschaftlichen und gestalterischen Praktiken beruht.

Spektor Books, Leipzig

www.spectorbooks.com

Der Leipziger Verlag Spector Books ist aus der 2001 von Markus Dreßen, Anne König und Jan Wenzel gegründeten Zeitschrift „Spector cut+paste“ hervorgegangen. Der Verlag arbeitet kontinuierlich mit einer Reihe von KünstlerInnen und BuchgestalterInnen zusammen. Dabei sucht Spector Books nach neuen Stilistiken im Bereich des Büchermachens; nach Wegen, um auch auf gestalterischer Ebene Inhalte zu vermitteln. Eine der Ideen, an denen sich die Verlagsarbeit dabei ausrichtet, zielt darauf ab, das Buch zu einer Bühne kollektiver Wissensproduktionen zu machen, zu einem Ort, an dem Austauschprozesse zwischen Kunst, Design und Wissenschaft möglich sind.

Peggy Buth, Katalog. Desire in Representation

2010, Spector Books, Gestaltung: Peggy Buth und Till Gathmann

2008 produzierte Peggy Buth gemeinsam mit dem Designer Till Gathmann das zweibändige Künstlerbuch Desire in Representation, das auf umfangreichen Recherchen der Künstlerin zum Königlichen Museum für Zentralafrika in Tervuren (bei Brüssel) sowie zu den Schriften des Afrikareisenden Henry Morton Stanley (insbesondere My Kalulu, Prince, King, and Slave, 1874) basierte. Das Projekt befragt vor dem Hintergrund des belgischen Kolonialismus die Konstruktion von Geschichte, Identität und des „Anderen“ sowie die Ordnungsstrukturen der westlichen Wissensproduktion, wie sie durch Archive und Museen hervorgebracht werden.
2009 lud der Württembergische Kunstverein Buth dazu ein, auf der Grundlage des Künstlerbuches eine Installation zu entwickeln, die sich schließlich über elf Räume erstreckte und in Form einer begehbaren, vielschichtigen und multimedialen Erzählung realisiert wurde. Der schlicht als Katalog bezeichnete Katalog der Ausstellung übersetzt diese wiederum auf konsequente Weise in das Format Buch. Strukturen der Katalogisierung, Notation und Referenzierung werden dabei zuweilen ad absurdum geführt.
Das Buch wurde von der Stiftung Buchkunst zu den "schönsten deutschen Bücher 2011" gekürt.

Christoph Schäfer, Die Stadt ist unsere Fabrik

2010, Spector Books, Gestaltung: Ina Kwon
www.christophschaefer.net

Der Hamburger Künstler Christoph Schäfer erzählt in seinem Buch Die Stadt ist unsere Fabrik eine rhizomatische Geschichte des Urbanen: vom Ur-Schlamm bis zur „Recht auf Stadt“-Bewegung in Hamburg 2009.
Mit dem Aquarellstift zeichnet er die Begriffslandschaften des französischen Philosophen Henri Lefebvre nach, der in den 1970er Jahren die „Revolution der Städte" heraufziehen sah. Im postindustriellen Zeitalter, so die These, wird die Stadt selbst zum zentralen Produktionsort. Im urbanen Gewebe spielen Subkulturen, KünstlerInnen und DesignerInnen heute eine bedeutende Rolle: als ProduzentInnen von kollektiven Räumen, als ErfinderInnen von Orten des Begehrens. In einer Gesellschaft, in der Leidenschaft und Arbeit, Privatheit und Professionalität zunehmend schwieriger zu unterscheiden sind, wird der Kampf um die Stadt zu einem Kampf um die Produktionsmittel: zu einem Kampf um das Recht auf Stadt. Wohin aber, fragt Christoph Schäfer, könnte ein Produzieren zwischen Latte Macchiato und Selbstorganisation in Zukunft führen? Welche Alternativen lassen sich zum neoliberalen Urbanisierungsmodell entwickeln, das fortlaufend schwarze Löcher produziert: Finanzkrisen, verschüttete Stadtarchive, Marketing-Idiotismen? Ein riesiger, singender Pitbull gibt in „Die Stadt ist unsere Fabrik“ die Antwort: „Señoras y Señores! – die Städte der Multitude werden Orte der Leidenschaft sein oder, Ladies and Gentlemen – sie werden nichts sein!“

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