Der Ungeduld der Freiheit Gestalt zu geben

ÜBERLEGUNGEN

Die Politisierung der Künste ist heute, das heißt im Kontext eines scheinbar allmächtigen und allgegenwärtigen Neoliberalismus, einer Reihe von mehr oder weniger berechtigten Vorwürfen und Verdachtsmomenten ausgesetzt. Neben der Auffassung, der Einfluss der Kunst auf die Welt sei ohnehin verschwindend gering, zählt hierzu der Vorwurf, sie würde gesellschaftliche Verwerfungen und Missstände lediglich kompensieren, ästhetisieren, verharmlosen oder banalisieren. Sofern die Kunst nicht ihre angestammten Plätze verlässt, sei sie nur mehr politisches Dekor. Umgekehrt wird sie verdächtigt, sich für ideologische Zwecke instrumentalisieren zu lassen. Und schließlich könne sie gar nicht anders, als den „neuen Geist des Kapitalismus“ (Boltanski/Chiapello) ganz und gar zu verkörpern: das heißt nicht nur in der totalen Warenförmigkeit aufzugehen, sondern sich zum Komplizen der Wirkungsmächte des Neoliberalismus’ zu machen.

An die beiden großen widerstreitenden Politiken des Ästhetischen, die die Moderne proklamierte, lässt sich längst nicht mehr ungebrochen anschließen. So wurde der Glaube an eine ästhetische Revolution, die die Gesellschaft verändern und in ein neues Leben führen könne – ein Leben, mit dem die Kunst schließlich eins werden würde –, bekanntlich durch die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts diskreditiert oder hat sich in der Ästhetisierung von Ware und Alltag aufgelöst. Und auch die l’art pour l’art, deren Widerständigkeit darin bestehen sollte, sich von jeglichen lebensweltlichen Kontexten zu befreien, erwies sich als unhaltbar.

In der zeitgenössischen Kunst hat sich mittlerweile eine große Bescheidenheit hinsichtlich ihrer Potenziale, die Welt zu verändern oder auch nur kritisch zu sein, etabliert. Dabei macht sich eine gewisse ironische Distanz und Abgeklärtheit gegenüber jedweder ästhetischen und politischen Utopie bemerkbar. Anstelle von Parodie als Kritik tritt die Parodie der Kritik. Anliegen der Ausstellung ist es, sich der Lethargie und dem Zynismus, die mit dieser Haltung einhergehen, zu widersetzen.

Wie aber könnte dieses Widersetzen aussehen? Wie lässt sich eine widerständige Kunst denken, wenn diese in nicht geringem Maße in die ökonomischen Strukturen, die es zu kritisieren und bekämpfen gälte, verstrickt ist? Wie ist mit den Tücken, die die Beziehungen zwischen Kunst und Politik bergen, umzugehen? Welches andere Wissen, welche anderen Gemeinschaften kann Kunst hervorbringen? Welche Werkzeuge und Waffen kann sie bereitstellen? Oder muss sie das Feld der Kunst gänzlich verlassen, um politisch zu werden?

Für den französischen Philosophen Jacques Rancière stellen Kunst und Politik keine getrennten Bereiche, die man erst in Beziehung zueinander setzen müsste, dar. Es handelt sich ihmzufolge vielmehr um zwei miteinander verschränkte Formen der Anordnung des Sinnlichen – das heißt des Sichtbaren, Hörbaren und Sagbaren. Politisches wie ästhetisches Handeln bestehe darin „die Aufteilung des Sinnlichen neu zu gestalten, … sichtbar zu machen, was nicht sichtbar war, und als Sprecher jene vernehmbar zu machen, die nur als lärmende Tiere wahrgenommen wurden (Rancière 2007: 35).“ Entscheidend für die Kunst, so Rancière, ist überdies nicht die Aufhebung, sondern gerade die unauflösbare Spannung und die Konfusion zwischen den beiden großen Politiken des Ästhetischen: das heißt zwischen der „Politik des Lebens-Werdens der Kunst“ und der „Politik der widerständigen Form“, zwischen politischer und apolitischer, fremd- und selbstbestimmter Kunst.

Ausgehend von diesen Überlegungen geht es der Ausstellung Der Ungeduld der Freiheit Gestalt zu geben um die Grenzverschiebungen zwischen der Freiheit der Kunst und ihrem Involviertsein in gesellschaftspolitische Angelegenheiten und Konfliktfelder.

Referenzen
Jacques Rancière, Das Unbehagen in der Ästhetik, Wien 2007 (orig.: Malaise dans l'esthétique, Paris 2004)
Jacques Rancière, Der emanzipierte Zuschauer, Wien 2009 (orig.: Le Spectateur émancipé, Paris 2008)
Michel Foucault, „Was ist Aufklärung?“, in: Eva Erdmann u.a. (Hrsg.), Ethos der Moderne. Foucaults Kritik der Aufklärung, Frankfurt/Main u.a. 1990, S. 35–54
 

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