Alexander Kluge. Gärten der Kooperation

14. Oktober 2017 – 14. Januar 2018
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Insel "Was ist ein Sklave?"


Insel "Die Kälte ist die Kette Gottes"
Insel "Unbedingte Liebe"
Insel "Die große Regenflasche ist entkorkt"

Insel "Bifurkation"

Insel "Die poetische Kraft der Theorie"

Insel "Nachtwind"

Insel "Gärten der Kooperation"

SIEBEN INSELN IM WÜRTTEMBERGISCHEN KUNSTVEREIN

Die Ausstellung Gärten der Kooperation setzt sich aus sieben „Inseln“ zusammen, die jeweils mit einem großformatigen Bild und Text eingeführt werden, die aus Büchern von Alexander Kluge stammen. Sie umfassen je eine Reihe von Film- und Videoarbeiten sowie Filmstills, weitere Abbildungen und Texte des Künstlers. Die „Inseln“ verstehen sich als Konstellationen mehrstimmiger Beiträge, die das zentrale Thema der Ausstellung – Emanzipation als ein kollektiver Prozess, der auch die Toten und die noch nicht Lebenden miteinbezieht – vertiefen. Dabei folgt die Ausstellung einem zentralen Anliegen Kluges: die Dinge vertikal, dass heißt in ihrer Tiefe auszuleuchten, um so auf Unerwartetes zu stoßen. Sklaverei und Freiheitsdrang; die Kälte des Krieges und die unbedingte Liebe; der „Liebestod der fremden Frau“ in den Opern und die Abrüstung dieses Schicksals; Katastrophen und der Zusammenbruch gesellschaftlichen Starrsinns: all diese Stichworte werden im Hinblick auf ihre unterirdischen Verzweigungen und Nebenwege beleuchtet. Sie bilden Rhizome, unterirdische Wurzelwerke.

1
WAS IST EIN SKLAVE? / „DER TOD DER FREMDEN FRAU.“
MENSCHLICHE KÖRPER ALS WARE. UNBEZÄHMBARKEIT DER FREIHEITSLUST.
IMPERIALISMUS NACH AUSSEN, IMPERIALISMUS NACH INNEN.

Die Insel Was ist ein Sklave / “Der Tod der fremden Frau“ umfasst neun Videos, die
sich mit den Themen Sklaverei, Kolonialismus und Freiheitskampf befassen. Es geht um die jahrtausendlange Geschichte der Ausbeutung menschlicher Körper als Ware und Tauschobjekt sowie um Formen der Gegenwehr und des Aufstands der Entrechteten. Zu Wort kommen unter anderem der Historiker Michael Zeuske sowie die Figur eines holländischen Sklavenhändlers. Kluge geht den Erscheinungsformen des Kolonialismus in der bürgerlichen Kultur des 19. Jahrhunderts, insbesondere auch in der Oper, nach: von Giacomo Meyerbeers Die Afrikanerin bis Giacomo Puccinis Madame Butterfly. Sie alle handeln davon, wie Theodor W. Adorno konstatierte, dass europäische Männer sich in Exotinnen verlieben, sie verführen und dann wieder nach Hause fahren. Sie haben jetzt etwas zu erzählen. Die exotischen Frauen sterben. Verwiesen wird zudem auf jene Mode europäischer Fürstenhäuser des 18. Jahrhunderts, sich schwarze Sklaven als sogenannte „Hofmohren“ zu halten. Der aufklärerische Experimentiereifer verschaffte einigen dieser „Hofmohren“ wie Abraham Petrowitsch Hannibal (1696–1781), Urgroßvater Alexander Puschkins, oder Anton Wilhelm Amo (1703–1759) Zugang zur Bildung. Amo, der in Halle und Wittenberg studierte, 1729 die Schrift Über die Rechtsstellung der Mohren in Europa veröffentlichte und ein Jahr später über das Leib-Seele Problem promovierte, zählte für kurze Zeit zu den bedeutendsten Philosophen Deutschlands. Ein Video bezieht sich auf Herman Sörgels von 1928 bis 1952 geplantes kolonisatorisches Großprojekt Atlantropa, das Europa und Afrika durch Austrocknung des Mittelmeers miteinander zu einem Kontinent verbinden und durch einen gigantischen Staudamm die Meerenge von Gibraltar und die am Bosporus sperren wollte. „Eine Phantasmagorie der Land- und Seenahme.
Noch schlimmer als der Imperialismus nach Außen, wie er sich in diesem Vorhaben wiederspiegelt, sei, so Kluge, der negative Imperialismus: „Erst Raub, dann Wegwerfen … „Wie viele Sklavenschiffe werden abandonniert, wenn Entdeckung droht? Verrottet, verlassen von den Sklavenhaltern … Nichts ist schlimmer als ein Imperialist, der verzichtet.“ Das gilt politisch und in Liebesverhältnissen.

2.1
KÄLTE IST DIE KETTE GOTTES

Ausganspunkt dieser dreiteiligen Insel (2.1 Kälte ist die kette Gottes; 2.2 Unbedingte Liebe; 2.3 Eine Woche in Stuttgart) ist ein Brief Theodor W. Adornos an seinen Freund Alexander Kluge, in dem der Mitbegründer der Frankfurter Schule ein zukünftiges Projekt – das allerdings unerledigt bleibt – ankündigt: eine Auseinandersetzung mit dem Begriff und Zustand der sozialen Kälte. Kluges neu konzipiertes Video Kälte ist die Kette Gottes versteht sich als ein Anfang, dieses noch offene Vorhaben aufzugreifen. Krieg – als das Prinzip schlechthin einer von oben nach unten organisierten Gewalt – zählt zu den zentralen Auseinandersetzungsfeldern Alexander Kluges. Der Zweite Weltkrieg, der Bombenangriff auf Halberstadt und damit seine persönlichen Erfahrungen mit dieser Zeit spielen dabei eine besondere Rolle. Was hätte es bedurft und welche Möglichkeiten gab es, um diesen Krieg und das Dritte Reich – in einer Bewegung von unten nach oben (eventuell noch vor dem Schwarzen Freitag 1929) – zu verhindern? Mit den Mitteln von Dokumentation und Fiktion geht er diesen Fragen in einem weiten historischen Tiefenraum nach.

2.2 (Nachbarinsel)
UNBEDINGTE LIEBE. DIE MACHT DER GEFÜHLE. URVERTRAUEN

Den Vernichtungspotenzialen von Krieg und Katastrophen setzt Kluge das Motiv der unbedingten Liebe entgegen. Eine der berührendsten Erzählungen ist die der Frau eines verunglückten Montagearbeiters aus Tschernobyl. Die Geschichte von King Kong und der weißen Frau liest Kluge als eine Geschichte von Zuwendung, Vertrauen und Geborgenheit – in Händen und Füßen, die wie Nester sind.

2.3 (Nachbarinsel)
EINE WOCHE IN STUTTGART

Separat von den Inseln 2.1 und 2.2 findet sich 2.3: Eine Woche in Stuttgart. Es geht um Ausschnitte aus dem Kooperationsfilm Deutschland im Herbst, der um den Tod Martin Schleyers und die Beerdigung der Toten von Stammheim auf dem Dornhaldenfriedhof in Stuttgart kreist. Bisher unveröffentlicht ist hierbei der Bericht des damaligen Anwalts von Gudrun Ensslin, Otto Schily, über die Obduktion.

3
„DIE GROSSE REGEN-FLASCHE IST ENTKORKT“
Hommage für Pier Paolo Pasolinis Che cosa sono le nuvole?, 1968

Zu den Neuproduktionen dieser Ausstellung zählt eine Hommage an den italienischen Filmemacher Pier Paolo Pasolini und dessen Kurzfilm Was sind die Wolken? von 1968. Der Film handelt von der Aufführung William Shakespeares Tragödie Othello als Marionettentheater mit lebenden Menschen an Fäden. Die Marionetten beginnen im Verlauf des Stücks ihrer Rollen anzuzweifeln. Der Othellodarsteller will Desdemona eigentlich gar nicht töten. Doch dann greift das rebellierende Publikum in die Handlung ein. Es tötet Jago und Othello, um Desdemona zu retten. Ein singender Müllmann entsorgt die beiden Puppen. Auf der Müllhalde erblicken sie zum ersten Mal den freien Himmel und die Wolken. Kluge verknüpft Pasolinis Film unter anderem mit Auszügen aus Aufführungen der Oper Stuttgart und der Komischen Oper Berlin. Wir begegnen Michael Rehberg als Othello im Interview mit dem Reporter Bernd Schmidt während der Vorbereitung auf die Premiere des Othello: „Sie unterschätzen die Sachlichkeit, mit der ich töte.“ Pasolinis grundlegender Ansatz, die fatale Schicksalsgläubigkeit der Opernmarionetten (die zugleich lebendige Wesen mit Bezug auf die in den Wolken verborgene Hoffnung auf Wiederkehr sind) zu durchbrechen, kommentiert Kluge mit einer zweiten Hommage: der Beschreibung der Premiere des Lohengrin am Abend des 22. Juni 1941 in Leningrad. Das lange geplante Event findet genau an dem Tag statt, an dem die deutschen Panzerverbände in Russland einbrechen. Die Politkommissarin für Kultur fragt: Soll man LOHENGRIN an diesem Tage absagen oder absingen? Zwischen Aggression und Kunst öffnet sich an diesem Tag ein winziger Türspalt. Mit der Hommage für Pasolini schlägt Kluge auch die Brücke zu einer Ausstellung, die im November im Kuppelsaal des Stuttgarter Kunstgebäudes – also in direkter Nähe zu Gärten der Kooperation – eröffnet wird und deren zentraler Ausgangspunkt Pasolinis Was sind die Wolken? ist.

4
BIFURKATION. RICHTUNGSUMKEHR DES PFEILS.
ERFAHRUNGEN AUS DER ZEIT DER JAGDLUST. CHRONOS UND KAIROS

Bifurkation – das heißt die Gabelungen und Scheidepunkte, an denen Geschichte und ihre Ereignisse auch anders hätten verlaufen können – zählen zu einem weiteren Schlüsselthema Alexander Kluges. In seinen literarischen wie filmischen Arbeiten sucht er diese Momente auf, um die darin verborgenen Potenziale der Richtungsumkehr weiterzudenken: Wie in jenem mit Heiner Müller entwickelten phantastischen Gedankenspiel über die Möglichkeit, das in einem Hirsch zerlegte Geschoss des Jägers im Körper des toten Tieres einzusammeln, dort zu einer Patrone wiederzuvereinigen und unter Rekonstruktion seiner Flugbahn in den Gewehrlauf des Schützens zurückzuführen. Tote sind nicht tot – sie wehren sich gegen das tot-sein.
Kluges an Michel Serres angelehnter Begriff der Bifurkation entspricht auch dem Rhizom, jenem unterirdischen Wurzelwerk, das Gilles Deleuze und Felix Guattari der Hierarchie der Baumstruktur entgegensetzen. Es beschreibt Momente des Unerwarteten, deren Verlauf völlig offen sind. Es geht um das Kontingente, das nicht Notwendige aber Mögliche, und um den Zufall. Zu den Videos dieser Insel zählen, neben der Spekulation über den erlegten Hirschen (Habe Berge versetzt, habe Wurzeln im Mund) und einem Gespräch mit Joseph Vogl (Was ist ein Rhizom?), auch die ungewöhnliche Geschichte des Antoine Billot (Wer immer hofft stirbt singend). Dieser er- und überlebt um Haaresbreite eine Katastrophe nach der anderen. Jeder dieser Katarstrophen bewahrt ihn indes vor einer größeren: „Der Mann war dankbar.“ In einer Sequenz aus Kluges Film Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit (1985)erläutert jemand seinem Kollegen den Unterschied zwischen Kairos, dem entscheidenden Augenblick, und Chronos, dem langen Zeitabschnitt. Doch der Kollege hat vor allem keine Zeit.
In einem anderen Video spricht der Literaturwissenschaftler Karl-Heinz Bohrer über die Guillotine als Kategorie der Plötzlichkeit: jenem unsichtbaren Augenblick, in dem das Fallbeil Kopf und Körper, Tod und Leben voneinander trennt. Lange Zeit wurde darüber diskutiert, ob sich der Lebende in diesem Augenblick selbst sterben sieht.

5
DIE POETISCHE KRAFT DER THEORIE. ‚HIRNHÄUSLEIN.’ DER ATEM IN DER OPER. STUMMHEIT. DAS PRINZIP MÜNDLICHKEIT.

Ausgangspunkt dieser der poetischen Kraft der Theorie gewidmeten Insel ist Martin Luthers Auffassung des menschlichen Gehirns. Luther wundert sich darüber, dass der Sitz des Glaubens und des Denkens in den Knochen des Schädels wie in einem Gefängnis eingemauert ist. Dieser Kerker habe nur eine Tür, das Ohr. Nur über das Ohr tritt die Wahrheit ins Hirn. In Kluges Werken steht das menschliche Ohr sowohl für Balance und Gleichgewicht als auch für Musik, Stimme und Mündlichkeit. Das betrifft Seiltanz ebenso wie Dialekt. Es geht um Sprachstörung, Stummheit, Gebärdensprache und vor allem um das „Sprechen, wie der Mund gewachsen ist“. Das sind die zentralen Motive dieser Insel: von der geschwächten Stimme des frisch operierten Heiner Müller über die Stumme von Portici, Protagonistin einer Oper über den Fischeraufstand von 1647 in Neapel, bis zu Hegel auf schwäbisch. Und über allem schwebend Charles Chaplin (und andere) auf dem Trapez. „Die Vernunft ist ein Balancetier“.

6
NACHTWIND. IN MANCHEN NÄCHTEN KOMMT MARX ALS GESPENST UND REDET MIT DEN LEUTEN. DAS QUIETSCHEN DER MACHT, WENN SIE DIE BREMSEN ZIEHT’. REVOLTE, REVOLUTION. SIRENEN IM ZEITALTER DER TECHNISCHEN REPRODUZIERBARKEIT

Kapitalismus, Revolution, Konterrevolution und Neoliberalismus sind die Eckpunkte dieser Insel. Die eigensinnige Akkordarbeiterin trifft auf den Industrieroboter. In einem unveröffentlichten Filmfragment von Rainer Werner Fassbinder geht es um Begriffe, die damals der Idee von Arbeit entgegentreten sollten – Begriffe, von denen wir heute, im Zeitalter des kognitiven kreativen Kapitalismus, einige als Arbeit bezeichnen würden. Im Rahmen des G7-Gipfels 1982 feiert sich der Beginn des Neoliberalismus auf feiste Weise selbst: an keinem geringeren Ort als dem Spiegelsaal von Versailles.

Widerstand, Revolte und Revolution sind permanente kollektive und nicht-linear verlaufende Prozesse. Eine gute Revolution ist, so der Philosoph Christoph Menke, „nicht unter 800 Jahren zu haben.“ Revolutionen haben traditionell mit der Überwindung der Heiligkeit des Eigentums zu tun. Die Zerstörung von Eigentum wie beispielsweise seitens der Maschinenstürmer bzw. Luddisten zu Beginn des 19. Jahrhunderts in England, sagt der Germanist Patrick Eiden-Offe, beruht auf Rechtsgefühl und nicht auf Anarchismus.

Für diese Insel sind eine Reihe neuer Videos entstanden. Neben dem Video Wie beginnt eine Revolution?, finden sich verschachtelte Gespräche zwischen Kluge, Menke und Eiden-Offe, gefolgt von einem Triptychon zu Polizeieinsätzen unterschiedlicher Natur. Vom G20 Gipfel in Hamburg über Wirtschaftsgipfel der 1980er Jahre bis hin zum Reichspolizeisportfest 1934. Auch geht es um den Fischeraufstand von 1647 in Neapel. Das war die erste Rebellion („la prima rivolta“), die Gegenstand von Dramen, Romanen und Opern wurde. Die Letztere dieser Opern war von Daniel-François-Esprit Aubers Die Stumme von Portici. Bei ihrer Aufführung 1830 in Brüssel wurde sie dort selbst zum Auslöser einer Revolution.

7
GÄRTEN DER KOOPERATION. ‚O, SIRIUS / O, MANDELBAUM UND STERN / NOCH LEBEN ALLE, DIE WIR LIEBEN’

Kooperation, Gemeinwesen, Emanzipation und Bildung sind zentrale Motive von Kluges künstlerischer, theoretischer und politischer Praxis. Der Garten fungiert dabei als Metapher für die dafür notwendigen Schutz- und Freiräume des Denkens und Handelns: für andere Institutionen und Gegenöffentlichkeiten, die immer wieder neu, dezentral vernetzt und auf kollektiver Basis hergestellt werden müssen. Sie entsprechen den Prinzipien des Rhizoms, des sich unterirdisch verzweigenden Wurzelwerks.
Kooperation meint dabei für Kluge das genaue Gegenteil jener neoliberalen Strukturen der Zusammenarbeit, bei denen alle individuellen Kräfte im Namen der Effektivität auf ein vorher definiertes Ziel hin gebündelt und eingeschworen werden. Stattdessen geht es um Formen des Austauschs, bei denen gerade das Unvermutete, Zufällige und Widerständige Raum haben, bei denen „Ich-Schranken“ (Kluge) gesenkt werden, um zwischen den miteinander Verhandelnden etwas Drittes entstehen zu lassen.
Dabei ist das Gemeinsame nicht nur eine Angelegenheit der Gegenwart, sondern speist sich auch daraus, dass jeder einzelne Mensch bereits ein polyphones Vieles ist, durch den bzw. die hindurch viele (gewesene wie kommende) Generationen (gewollt oder ungewollt) mitreden.
Die siebte Insel der Ausstellung fungiert als Archiv und kollektive Werkstatt der Ausstellung. Sie enthält weiterführende Filme und Dokumente zur Ausstellung.

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