Taysir Batniji, Me 2 (Ich auch), 2003
Bernd Behr, Amoy Gardens, 2003/07
David Brognon / Stéphanie Rollin, Famous People Have No Stories, seit 2013
Annalisa Cannito, Silence is Violence (Schweigen ist Gewalt), 2017
Olga Chernysheva. Compossibilities, 2013
Edith Dekyndt, Provisory Object 03, 2004
Jan Peter Hammer, The Dig, 2017
James T. Hong, Cuta Ways Of Jiang Chun Gen – Forward And Back Again, 2012
Milomir Kovecivic, Sarajevo dans le coeur de Paris (Sarajevo im Herzen von Paris), 2007-2008
Dorit Margreiter, Gescheitertes Modell eines geschlossenen Systems, 2006
Susanne Kriemann, Pechblende (Prologue), 2016
Vesna Pavlovic, Fabrics of Socialism. Fototeka, 2013/2017
Dan Perjovschi, Ohne Titel, 2017
Lia Perjovschi, The Biennial, the Project, the Bunker, the Curators’ Keywords, and the Museum, 2017
Jorge Ribalta, Water, Wind and Wire; Bunker/Museum; Phantom Public; Visit Konjic, 2016-2017
Alexander Sokurow, Spiritual Voices, 1995
The Errorists (Hilary Koob-Sassen, Andreas Köhler & collaborators), Faith In Infrastructure, Part 1 & 2, 2007 – 2009
Jan Peter E.R. Sonntag, Baghdad, 2017
Infertile Grounds (Unfruchtbare Böden), 2009

TITOS BUNKER

WERKE IN DER AUSSTELLUNG
Courtesy, wenn nicht anders vermerkt: Der Künstler
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Taysir Batniji
*1966 in Gaza, lebt und arbeitet zwischen Frankreich und Palästina

Me 2 (Ich auch), 2003
Video, Farbe, Ton, 2’04’’
Courtesy: Der Künstler und Sfeir-Semler Gallery, Hamburg und Beirut

Der Künstler filmt sich selbst beim Tanz zu Gloria Gaynors Lied I Will Survive, das von einem Straßenkarneval in die Wohnung dringt. Das Video zeigt die Überlagerung zweier Aufnahmen: zum einen die Bilder der nach Außen gerichteten Kamera und zum anderen die Aufnahmen der auf den Künstler gerichteten Kamera – während dieser um sich selbst kreist. Durch die Überlagerung der beiden Perspektiven gerät sein Körper immer wieder aus dem heraus bzw. in das Bild hinein. Das Video entstand 2003 als eine spontane Reaktion auf den Ausbruch des Irakkrieges.
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Bernd Behr
*1979 in Hamburg, lebt in London

Amoy Gardens, 2003/07
35mm Diaprojektion mit Ton, 34 Dias

Die Dia- und Soundarbeit verknüpft Aufnahmen aus Amoy Gardens, einer einst dicht besiedelten mittelständischen Wohnsiedlung in Hongkong, mit Auszügen aus Le Corbusiers Abhandlung zur „exakten Luft“ in La Ville Radieuse (Die radiale Stadt, 1933). Letzteres entwirft die Utopie – oder besser Dystopie – einer hermetischen Einkapselung all unserer Lebens- und Arbeitsräume, um so eine technisch erzeugte, perfekt kontrollierte und von Staub und Krankheitserregern befreite Luft zu garantieren. Die Fotografien aus Amoy Gardens zeigen verlassene Gebäude. Aufgrund maroder Wasserleitungen und Fehlfunktionen der Lüftungssysteme galt die Wohnsiedlung 2002 als Epizentrum der SARS-Epidemie.
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David Brognon / Stéphanie Rollin
D.B.: *1978 in Messancy (B); S.R.: *1980 in Luxemburg (L); leben in Paris und Luxemburg

Famous People Have No Stories (Berühmte Menschen haben keine Geschichten), seit 2013
16 SW-Fotografien aus einer fortlaufenden Serie, je 45 x 35 cm, gerahmt

Die Serie Famous People Have No Stories versammelt Fotografien der Handinnenflächen von Skulpturen und Monumenten berühmter Persönlichkeiten: darunter Jeanne d'Arc, Charles de Gaulle, Théodore Géricault, Harry Houdini, François Mauriac und andere. Der Blick wird dabei auf die teils deutlich erkennbaren und teils mit der Zeit verschwundenen so genannten Lebenslinien gelenkt, die angeblich das persönliche Schicksal anzeigen. Die Fotografien lassen keinerlei Rückschlüsse auf die Identität jener prominenten Personen zu, deren Handinnenflächen wir hier sehen. Die mitunter stark verwitterten Hände verweisen auf die Relativität der im Monument angelegten Unsterblichkeit.
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Annalisa Cannito
*1984 in Acqui Terme

Silence is Violence (Schweigen ist Gewalt), 2017
Leuchtkasten
Koproduziert von Association Biennial of Contemporary Art, Sarajevo, Bosnien Herzegowina und Württembergischer Kunstverein Stuttgart

Annalisa Cannito greift in dieser Arbeit auf eine Propagandatafel zurück, die in den 1940er-Jahren auf dem Gelände der Hanford Site zu finden war, einem Nuklearkomplex im US-Bundestaat Washington, der 1943 im Zuge des sogenannten Manhattan-Projekts entstanden ist. Bei dem Manhattan-Projekt handelte es sich um ein während des Zweiten Weltkrieges initiiertes, streng geheim gehaltenes Atombombenprojekt der USA. Noch bis weit in die Zeit des Kalten Krieges hinein diente die Hanford Site der Produktion von Plutonium für Kernwaffen. Unter anderem wurde hier jene Bombe gebaut, die auf Nagasaki abgeworfen wurde. Heute zählt die Hanford Site zu den radioaktiv am schwersten kontaminierten Arealen der westlichen Hemisphäre. Während des Aufbaus der Anlage wurden die Arbeiter_innen und Anwohner_innen unter Strafandrohung dazu verpflichtet, Stillschweigen über das Projekt zu wahren. Auch die Errichtung des Atombunkers in Konjic sowie der daneben liegenden Munitionsfabrik standen unter einem solchen Schweigegebot.  Aufgrund der wachsenden Spannungen mit der Sowjetunion rief Tito Ende der 1940er-Jahre das Konzept der Volksverteidigung ins Leben. Es ging mit dem Bau großmaßstäblicher militärischer Einrichtungen und Verteidigungsstrukturen einher, die nicht zuletzt Dank massiver Unterstützung seitens der USA möglich wurden.
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Olga Chernysheva
*1962 in Moskau, lebt in Moskau

Compossibilities, 2013
Farbfotografie, 80 x 120 cm'
Courtesy: Die Künstlerin und Galerie Diehl, Berlin

Die Fotografie zeigt Tauben, die ein nicht näher bestimmbares kassettenartiges Architekturelement bewohnen. In seiner Struktur erinnert es an die modernistischen Ideale des Massenwohnungsbaus und ihr Dogma der effizienten Raumausnutzung. Der Titel geht auf Gottfried Wilhelm Leibniz’ Begriff der Kompossibilität zurück, der besagt, dass unterschiedliche Dinge, Essenzen und Substanzen in ihrer Koexistenz möglich sind.
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Edith Dekyndt
*1960 in Ypern, lebt in Tournai und Berlin

Provisory Object 03
, 2004

Video, Farbe, ohne Ton, 3’31’’
Courtesy: Die Künstlerin und Argos centre for art and media, Brüssel

Das Video zeigt die Nahaufnahme von Händen, die eine Kuhle formen, in der seifenhaltiges Wasser schwimmt. Die Formen, Strukturen, Drehrichtungen und -geschwindigkeiten der farbig-schillernden Lauge ändern sich beständig. Sie scheinen einer eigenen, dem Diesseits entrückten Kosmologie anzugehören.
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Jan Peter Hammer
*1970 in Berlin, lebt in Berlin

The Dig, 2017

Video, Farbe, Ton, 21:55’
Gefördert vom Berliner Senat

1977 entdeckte der bulgarische Archäologe Vetsislav Gergov eine 6500-jährige Siedlung aus dem frühen Bronzezeitalter in Telish, einem Bezirk in Pleven, Bulgarien. Die archäologische Stätte enthielt unter anderem ein kleines zylinderförmiges Objekt, dessen Funktion unbekannt ist. Gergov glaubt, dass das Objekt ein Raumschiff von Außerirdischen darstellt.
Aufgrund der großen Mengen an archäologischen Artefakten ist die “Schatzsuche” zu einer beliebten Beschäftigung in Bulgarien geworden. Die Auflösung der Sowjetunion brachte eine weitreichende Deindustrialisierung und Arbeitslosigkeit mit sich. Die Verfügbarkeit von erschwinglichen Metalldetektoren sowie der leichte Zugang zu westlichen Auktionshäusern haben die archäologische Plünderung zu eine der wenigen Ressourcen für ein unabhängiges Einkommen gemacht.
Mit seinen von jüngsten Ausgrabungen zerfurchten Hügeln, die inmitten der Ruinen ehemaliger Stahlwerke aus der Sowjetzeit, leerstehender Fabriken und eines verlassenen Raumfahrtzentrums aufragen, scheint dem gegenwärtigen Bulgarien eine merkwürdige Zeitlichkeit, eine unvollendete Geschichte innezuwohnen. Diese Orte, die einst den Fortschritt symbolisierten, wirken in einer aus Tausch- und Schrotthandel bestehenden Ökonomie derart fremd, dass man glauben könnte, sie wären von einer anderen Spezies gebaut worden – wie jene Spomeniks genannten jugoslawischen Denkmäler aus dem Zweiten Weltkrieg, die im Internet als angebliche Beweise für die Präsenz von Außerirdischen auf der Erde kursieren. (Nach einem Text von Jan Peter Hammer).
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James T. Hong
*1970 in Minnesota, lebt in den USA und Taiwan

Cuta Ways Of Jiang Chun Gen – Forward And Back Again, 2012

HD Video, Farbe, Ton, 10’

Der dokumentarische Kurzfilm ist das Porträt eines chinesischen Bauern, der 1942, im Alter von zwei Jahren, von japanischen Bio-Waffen infiziert wurde. Seine engsten Familienangehörigen starben an ihren Infektionen, er lebt seit 70 Jahren mit offenen Wunden an den Füßen.
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Milomir Kovacevic (genannt Strasni)
*1961 in Cajnice (heute Bosnien und Herzegowina), lebt in Paris
  
Sarajevo dans le coeur de Paris (Sarajevo im Herzen von Paris), 2007-2008
32 SW-Fotografien aus einer fortlaufenden umfangreichen Serie, jeweils mit handschriftlichen Texten versehen, gerahmt, je 40 x 50 cm

Der im heutigen Bosnien-Herzegowina geborene Fotograf Milomir Kovacevic, der seit Jahrzehnten in Paris lebt, ist vor allem durch seine Fotografien über den Bürgerkrieg in Exjugoslawien sowie die Belagerung von Sarajevo (1992-1996) bekannt. Die Ausstellung zeigt dagegen einen Auszug aus einer fortlaufenden Serie, die sich mit Erinnerung aus der Perspektive des Exils auseinandersetzt. Kovacevic bittet ehemalige Einwohner_innen aus Sarajevo, die, wie er, nach Paris ausgewandert sind, darum, ihm ein Objekt zur Verfügung zu stellen, das für sie die wichtigste Verbindung zu Sarajevo darstellt. Diese Objekte werden von Kova?evi? auf neutrale Weise fotografiert und mit einem persönlichen Text der jeweiligen Besitzer_innen versehen. Entstanden ist so eine zutiefst subjektive, fotografisch festgehaltene und sprachlich kommentierte Auswahl an Dingen, eine Art Musée Imaginaire, dessen offene Sammlung auf vielstimmigen Selektionsprozessen und -kriterien basiert.
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Dorit Margreiter
*1967 in Wien, lebt in Wien

Gescheitertes Modell eines geschlossenen Systems, 2006
Diaserie, Diaprojektor unter Glashaube

In der Dia-Serie Gescheitertes Modell eines geschlossenen Systems untersucht Dorit Margreiter das US-amerikanische Experiment einer Anfang der 1990er-Jahre künstlich geschaffenen Biosphäre, die autark von unserer Atmosphäre das Überleben erprobte, jedoch scheiterte: medial gefeiert und real in seiner Künstlichkeit geplatzt. Der Projektor selbst wird unter der Plexiglashaube zum Beobachtungsobjekt, der projizierend einen Illusionsraum öffnet und das Gezeigte als kleine Abbildung an der Scheibe bereits festhält.
(Julia Schäfer, zitiert nach: gfzk.de/wp-content/uploads/2011/06/dorit.pdf)
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Susanne Kriemann
*1972 in Erlangen, lebt in Berlin

Pechblende (Prologue), 2016
4 Fotografien (gefasst zwischen Plexiglasplatten), je 180 x 200 cm ca.

Ausgehend von ihrer Beschäftigung mit der sowohl realen als auch politischen Unsichtbarkeit von Radioaktivität, fertigte Kriemann in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des American Museum of Natural History (New York), den National Archives (Washington DC) und dem Museum für Naturkunde (Berlin) verschiedene Versionen von Autoradiogrammen an – eine spezielle Art der Fotografie, bei der fotosensitives Material durch radioaktive Objekte selbst belichtet wird. Durch diese kameralose Belichtung entsteht ein indexikalisches, aber äußerst abstraktes Bild, in dem die ikonisch gewordenen Aufnahmen eines Atompilzes und seines strahlenden Lichts als Spukbild nachwirken. In Pechblende (Prologue) kombiniert Kriemann ihre eigenen Autoradiogramme und Fotogramme mit Archivbildern aus unterschiedlichen Quellen, darunter Luftbildaufnahmen und wissenschaftliche Fotografien, auf denen die radioaktive Verseuchung von Tieren, Pflanzen und Menschen deutlich wird. (Susanne Kriemann)
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Vesna Pavlovic
*1970 in Serbien und Montenegro, lebt in Nashville, USA

Fabrics of Socialism. Fototeka, 2013
Diaprojektion auf Vorhang

Das in verschiedenen Formen und Formaten erscheinende Projekt Fabrics of Socialism basiert auf dem offiziellen Archiv von Josip Broz Tito, das sich im Museum der Geschichte Jugoslawiens in Belgrad befindet. Es war mit dem Ziel angelegt worden, die private Seite der Karriere und Reisen des einstigen jugoslawischen Staatspräsidenten festzuhalten. Entlang der Bilder aus diesem öffentlich-privaten Archiv befragt Vesna Pavlovi? die einstige Monumentalität der sozialistischen Vision in einem Land, das kurz nach dem Tod des Anführers dieser Vision in einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg versank. Die in der Ausstellung zu sehende Version von Fabrics of Socialism, die den Zusatztitel Fototeka (Fotothek) trägt, umfasst achtzig Schwarzweißdias aus Titos Archiv. Sie werden nacheinander auf einen grauen Vorhang projiziert, so dass sich die Bilder in den Falten brechen. Die historischen Dokumente – und somit die Geschichte selbst – erscheinen fragil, leicht verzerrt und phantomhaft: quasi als Gespenster des Sozialismus und Kalten Krieges.
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Dan Perjovschi
*1961 in Sibiu, lebt in Sibiu

Ohne Titel, 2017
Serie aus übermalten Postkarten

Der von dem rumänischen Diktator Nicolae Ceaucescu 1983 initiierte, auch unter dem Namen „Haus des Volkes“ bekannte Parlamentspalast in Bukarest ist nach dem Pentagon das flächenmäßig zweitgrößte Gebäude der Welt und Symbol des brutalen Ceau?escu-Regimes. Es wurde erst nach der Revolution von 1989 fertiggestellt und zunächst ausschließlich als Parlamentsgebäude genutzt. 2004 wurde zudem das erste Museum für zeitgenössische Kunst in das gigantische Gebäude einquartiert. Dan und Lia Perjovschi zählten von Beginn an zu den entschiedenen Gegner_innen der Nähe von Regierung und Kunst an diesem historisch belasteten Ort, der mittlerweile in Postkarten als Wahrzeichen der Hauptstadt gefeiert wird. Dan Perjovschi hat alle im Umlauf befindlichen Bukarest-Postkarten, in denen das „Haus des Volkes“ auftaucht, gesammelt, das unliebsame Gebäude jeweils schwarz übermalt und so gewissermaßen zu einem drohenden Schatten transformiert. Der Akt der Ausstreichung gebiert, so scheint es, seine eigenen Ungeheuer … Die Frage nach dem Umgang mit den Repräsentationen und Zeugnissen einer schmerzhaften Vergangenheit bleibt ambivalent. Im Falle von Ceau?escus „Haus des Volkes“ wie von Titos Bunker stellt sich zudem die Frage, inwiefern Kunst dazu instrumentalisiert wird, die bösen Geister, die bestimmte Orte heimsuchen, zu vertreiben.
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Lia Perjovschi
*1961 in Sibiu, lebt in Sibiu

The Biennial, the Project, the Bunker, the Curators’ Keywords, and the Museum (Die Biennale, das Projekt, der Bunker, die Schlüsselbegriffe der Kurator_innen und das Museum), 2017
Serie von Mindmaps

In ihrer aus diversen Mindmaps bestehenden Arbeit setzt die Künstlerin an den Schlüsselbegriffen der Kurator_innen an: Es geht um einen Bunker (Titos Bunker in Konjic, atomsicher für 350 Repräsentanten der politischen und militärischen Elite); um Sarajevo (die Belagerung zwischen 1992 und 1996); diverse Symptome des 20. und 21. Jahrhundert; eine Ansammlung von Werken und ein Museum im Bunker; eine Welt voller Krisen wie die globale Erderwärmung, ohne, dass es einen Backup-Planeten gäbe. Die Künstlerin erweitert diese Aspekte entlang ihrer eigenen Fragen hinsichtlich der Sicherheit in einer sich ständig verändernden Welt, hinsichtlich der Elite in einer gleichgestellten Gesellschaft (dem Kommunismus) und hinsichtlich einer Utopie, die sich zur Dystopie wandelt.
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Jorge Ribalta
*1963 in Barcelona, lebt in Barcelona

Water, Wind and Wire; Bunker/Museum; Phantom Public; Visit Konjic
(Wasser, Wind und Drähte; Bunker/Museum; Phantom-Öffentlichkeit; Besuchen Sie Konjic), 2016-2017

Vier Serien aus jeweils ca. 20 Fotografien, Silbergelatineabzüge, jeweils 30 x 36 cm
Koproduziert von Association Biennial of Contemporary Art, Sarajevo, Bosnien Herzegowina und Württembergischer Kunstverein Stuttgart

Jorge Ribalta wurde dazu eingeladen, im Rahmen der 4. Project-Biennale in Konjic eben dieses Projekt auf einer Metaebene zu verhandeln: in Form einer fotografischen Dokumentation der Prozesse der Verwandlung eines historischen Atomschutzbunkers aus der Zeit des Kalten Krieges in ein zukünftiges Museum für zeitgenössische Kunst über das gegenwärtige Modell einer Biennale. Die bisher entstandenen Fotografien wurden während zweier Aufenthalte in Konjic aufgenommen; einerseits im Vorfeld und andererseits während der Installation und Eröffnung der 4. Project-Biennale. Für die Ausstellung in Stuttgart hat Ribalta seine Fotografien in vier Kapiteln unterteilt. Das  erste, das den Titel Water, Wind and Wire trägt, bricht mit der Vorstellung des Bunkers als autonomes System, indem es den Wegen der Wasser- und Luftversorgung sowie den Drähten zur Außenwelt nachgeht. Das zweite Kapitel mit dem Titel  Bunker/Museum zeigt Momente der Entstehung der 4. Project-Biennale. Das dritte Kapitel, Phantom Public, fokussiert die offiziellen Besucher_innen der Eröffnung, die Pressevertreter_innen sowie jene Personen, die für den reibungslosen Ablauf dieses Ereignisses sorgten. Das vierte Kapitel, Visit Konjic, nimmt den Bunker, die Biennale und Konjic schließlich entlang der touristischen Strukturen in den Blick: von den örtlichen Erkundungen der Kurator_innen und Künstler_innen bis zu einer Bunkertour der London School of Business.
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Alexander Sokurow
*1951 in Podorwicha, Oblast Irkutsk, lebt in Sankt Petersburg

Spiritual Voices, 1995
Video, 327’

Zwischen 1994 und 1995 – etwa zeitgleich zur Belagerung von Sarajevo – verbrachte Alexander Sokurov mehrere Monate bei den russischen Truppen in Afghanistan. Der daraus resultierende fünfteilige Film fokussiert das anonyme Leben der Soldaten an diesem desaströsen Stützpunkt zwischen Unklarheit, Bedrohung und tödlicher Langeweile. Der Film dauert fast sechs Stunden und überfordert somit das Format Ausstellung. Das Problem der Dauer steht quasi im Raum … es wird kaum zu bewältigen sein.
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The Errorists (Hilary Koob-Sassen, Andreas Köhler & collaborators)
HKS: *1975 in Boston, lebt in London

Faith In Infrastructure, Part 1 & 2, 2007 – 2009
Video, 15’13’’

Faith In Infrastructure ist ein mehrteiliges Projekt bestehend aus einem Manifest, Lifeperformances und einem Video. Das Video basiert auf Collagen aus Musik- und Gesangsstücken, die sich zwischen Psychodelic und Punk ansiedeln, Texten, Skulpturen und Malereien von Hilary Koob-Sassen und Andreas Köhler. Klimawandel, die Abstraktionen und der Zynismus des auf Algorithmen basierenden Finanzkapitalismus, Bio- und Genompolitiken, die Geschwüre der Immobilienspekulation und die Privatisierung von Infrastrukturen werden in einem anhaltenden Delirium zwischen Masterplan und Kontrollverslust, Utopie und Dystopie verhandelt.
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Jan-Peter E. R. Sonntag
* 1965 in Lübeck, lebt in Berlin

Baghdad, 2017
Druck auf Tyveck, 250 x 182 cm

Die Arbeit Baghdad bezieht sich auf eine Briefmarke der Irakischen Republik aus dem Jahr 1982, die das Konterfei von Josip Broz Titos zeigt, einem der Begründer der Bewegung der Blockfreien Staaten. Die Briefmarke wurde zur Erinnerung an die 7. Konferenz der Blockfreien Staaten, die in Baghdad stattfinden sollte, gedruckt. Letztendlich musste der damalige irakische Staatschef Sadam Hussein die Konferenz jedoch aufgrund der Konflikte zwischen dem Iran und Irak absagen. Stattdessen tagte die Konferenz einige Monate später in Neu Dehli. Die Briefmarke gehört zu einer ganzen Serie, die dem Gedenken an ein bestimmtes historisches Ereignis gewidmet ist, das so nie stattgefunden hat.
Jan-Peter E.R. Sonntag hat eine digitale Aufnahme der Titomarke stark vergrößert und über zwei Bahnen auf ein Tyvec-Gewebe gedruckt. Tyvec – ein registrierter Markenname der Firma DuPont – ist ein papierähnliches Material aus Polyethynelfasern, das in der Regel zum Verpacken von Gemälden verwendet wird oder zur Herstellung von Schutzanzügen für Personen, die in sauberen Räumen, Laboren oder auf kontaminiertem Boden arbeiten.
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Sandra Vitaljic
*1972 in Pula, lebt in Zagreb

Infertile Grounds (Unfruchtbare Böden), 2009
Auswahl von sieben aus einer Serie von 25 Farbfotografien

Die Fotoserie zeigt Landschaftsaufnahmen von verschiedenen Gebieten in Exjugoslawien, die mit den Geschehnissen und Traumata des jugoslawischen Bürgerkrieges der 1990er-Jahre – aber auch mit historischen Ereignissen davor – in Verbindung stehen. Die Fotos geben nur vage Hinweise auf diese Ereignisse, die gleichermaßen an- wie abwesend sind.

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