The Magic Mirror of John Dee
Text von Joachim Koester
Es gibt ein Sehen, das nicht von den Augen herrührt. Es tritt im Zustand zwischen Wachheit und Traum, wenn Muster und Gestalten hinter den Augenlidern flackern, ein – oder äußert sich in den durch Trance hervorgerufenen Visionen, während man in eine Kristallkugel oder einen schwarzen Spiegel blickt.
John Dee (1527–1608), Wissenschaftler, Astrologe und Besitzer der größten Büchersammlung Englands, verfügte nicht über dieses „zweite Gesicht“. Stattdessen heuerte er den Geisterbeschwörer Edward Kelly – ein verurteilter Betrüger, dem man zur Strafe die Ohren abgeschnitten hatte – als sein Medium an. Über einen Zeitraum von sieben Jahren führten die beide eine Reihe von magischen Seancen durch, die als die „henochischen Rufe“ bekannt wurden. Von Trance erfasst, starrte Kelly in eine kristallene Kugel oder ein schwarzes Glas und vernahm dabei Bilder und Botschaften aus dem Jenseits. Dee seinerseits notierte die Ereignisse penibel. Aus dieser Beschäftigung resultierte schließlich die „lang verschollene“ Sprache Henochisch: Ein magisches System aus Anrufungen, die Kartierung einer geistigen Landschaft, die zahlreiche von Engeln bewohnte Himmelsstädte umfasste, sowie – noch jenseits dieser Städte, hinter vier Wachtürmen verborgene – Dämonenschwärme.
Eine dieser geistigen Pforten wurde 1909 von Aleister Crowley, der glaubte, eine Reinkarnation von Kelley zu sein, mit Hilfe des Poeten Victor Neuburg im Norden der afrikanischen Wüste, Nahe des Dorfes Bou Saada geöffnet. Nach tagelangen henochischen Ritualen beschwor Crowley den als Todes-Drachen bekannten Dämonen Choronzon herauf. Den Tiefen bedeutungsloser Formen entstiegen, nahm der Dämon von Crowley Besitz und versetzte Neuburg in Angst und Schrecken, der die Attacken von Crowley (oder Chronozon) mit einem magischen Dolch bekämpfen musste.
Weder Dees noch Kellys magische Experimente waren von ungetrübtem Erfolg gekrönt. Obwohl sich Uriel, Madimi, Ath und andere Engel, die sie riefen, als freundlicher und kooperativer als der Dämon Chorozon erwiesen, lesen sich Dees Aufzeichnungen wie eine Liste von Enttäuschungen. Die Engel machten Versprechungen, meist jedoch stellten sie Forderungen. Doch was auch immer Dee und Kelly unternahmen, um den wechselhaften Launen der Engel zu entsprechen: die Ungewissheit blieb bestehen. Den verborgenen Mechanismen der Welt standen die uneingelösten göttlichen Verheißungen entgegen. Trotz Anwendung der neuen und komplizierten „himmlischen“ Sprache des Henochs blieb das Jenseits so planlos wie die Welt selbst. Die Befolgung der Engel führte nur zu zufälligen oder bestenfalls merkwürdigen Ergebnissen. Dee verstarb einsam und verarmt, während Kelly höchstwahrscheinlich bei dem Versuch, aus dem Gefängnis zu fliehen, umkam.
Teile der umfangreichen Manuskripte, die einst die “henochsichen Rufe” darstellten, befinden sich heute in der British Library. Die Kristallkugel und der schwarze Spiegel, die während der Seancen zum Einsatz kamen, werden in einer Vitrine des British Museum ausgestellt. Die imperiale Architektur des Museums spiegelt sich als Miniatur in der Kristallkugel wieder, während der Blick des Betrachters einer dunklen Abwesenheit begegnet, sobald er auf den Spiegel trifft. Eine leere Oberfläche, die noch in ihrer Stummheit vom Verharren erzählt, die eine schlafende Präsenz ausstrahlt, die der Fotografie nicht unähnlich ist.

