Jesús Ruiz Durand, Afiches de la Reforma Agragia (Poster der Landreform), 1969–72, Courtesy: Museo de Arte de Lima Collection, Contemporary Art Acquisitions Committee 2007
Jesús Ruiz Durand, Afiches de la Reforma Agragia (Poster der Landreform), 1969–72, Courtesy: Museo de Arte de Lima Collection, Contemporary Art Acquisitions Committee 2007
Jesús Ruiz Durand, Afiches de la Reforma Agragia (Poster der Landreform), 1969–72, Courtesy: Museo de Arte de Lima Collection, Contemporary Art Acquisitions Committee 2007
Jesús Ruiz Durand, Afiches de la Reforma Agragia (Poster der Landreform), 1969–72, Courtesy: Museo de Arte de Lima Collection, Contemporary Art Acquisitions Committee 2007
Jesús Ruiz Durand, Afiches de la Reforma Agragia (Poster der Landreform), 1969–72, Courtesy: Museo de Arte de Lima Collection, Contemporary Art Acquisitions Committee 2007
Jesús Ruiz Durand, Afiches de la Reforma Agragia (Poster der Landreform), 1969–72, Courtesy: Museo de Arte de Lima Collection, Contemporary Art Acquisitions Committee 2007
Jesús Ruiz Durand, Afiches de la Reforma Agragia (Poster der Landreform), 1969–72, Courtesy: Museo de Arte de Lima Collection, Contemporary Art Acquisitions Committee 2007
Jesús Ruiz Durand, Afiches de la Reforma Agragia (Poster der Landreform), 1969–72, Courtesy: Museo de Arte de Lima Collection, Contemporary Art Acquisitions Committee 2007
Jorge Eielson, Skulptur mit komprimierter Stimme, aus der Serie "Unteriridsche Skulpturen", 1966-1969
Jorge Eielson, Skulptur mit komprimierter Stimme, aus der Serie "Unteriridsche Skulpturen", 1966-1969
Jorge Eielson, Burial of the Luminous Sculpture, aus der Serie "Unteriridsche Skulpturen", 1966-1969
Jorge Eielson, Burial of the Luminous Sculpture, aus der Serie "Unteriridsche Skulpturen", 1966-1969
Emilio Hernández Saavedra, Galería de arte, 1970
Emilio Hernández Saavedra, Galería de arte, 1970
Emilio Hernández Saavedra, Galería de arte, 1970
Emilio Hernández Saavedra, Galería de arte, 1970
Sergio Zevallos, Untitled #11, aus der Serie "Rosa Cordis", 1986
Sergio Zevallos, Untitled #11, aus der Serie "Rosa Cordis", 1986
Juan Javier Salazar, Ritual Wash, ca. 1989
Juan Javier Salazar, Ritual Wash, ca. 1989
Herbert Rodríguez, Proyecto Arte-Vida (Projekt Kunst–Leben), 1988–1990
Herbert Rodríguez, Proyecto Arte-Vida (Projekt Kunst–Leben), 1988–1990
Teresa Burga, Autorretrato. Estructura. Informe. 9-6-72 (Selbstporträt. Struktur. Report. 9-6-72), 1972
Teresa Burga, Autorretrato. Estructura. Informe. 9-6-72 (Selbstporträt. Struktur. Report. 9-6-72), 1972
Taller E.P.S. Huayco, Cojudos (Arschlöcher), 1980
Taller E.P.S. Huayco, Cojudos (Arschlöcher), 1980
Grupo Paréntesis, Proyecto Mecenas (Mäzenaten-Projekt), 1979
Grupo Paréntesis, Proyecto Mecenas (Mäzenaten-Projekt), 1979
Francisco Mariotti, Lavatorio artificial para uso especial (Künstliches Waschbecken für besonderen Gebrauch), 1975
Francisco Mariotti, Lavatorio artificial para uso especial (Künstliches Waschbecken für besonderen Gebrauch), 1975
Alfredo Márquez, Chinachola, 2006 (1988-89), Courtesy: Museo de Arte de Lima, Collection Contemporary Art Acquisitions Committee 2007
Alfredo Márquez, Chinachola, 2006 (1988-89), Courtesy: Museo de Arte de Lima, Collection Contemporary Art Acquisitions Committee 2007
Rafael Hastings, Ohne Titel, 1970
Rafael Hastings, Ohne Titel, 1970
Francesco Mariotti (mit Gerardo Zanetti), CARLOS MARX canta y baila para usted LA INTERNACIONAL (KARL MARX spielt und tanzt für Sie die DIE INTERNATIONALE), 1984
Francesco Mariotti (mit Gerardo Zanetti), CARLOS MARX canta y baila para usted LA INTERNACIONAL (KARL MARX spielt und tanzt für Sie die DIE INTERNATIONALE), 1984

Passagen gegen den Strom

Dissidente Taktiken in der peruanischen Kunst, 1968-1992

Kuratoren: Miguel López und Emilio Tarazona

Hugo Salazar del Alcázar, Lucy Angulo, Luis Arias Vera, Teresa Burga, Jorge Eielson, Rafael Hastings, Taller E.P.S. Huayco, Francisco Mariotti, Alfredo Márquez, Yvonne von Möllendorff, Grupo Paréntesis, Herbert Rodríguez, Jesús Ruiz Durand, Emilio Hernández Saavedra, Juan Javier Salazar, Sergio Zevallos und andere

Passagen gegen den Strom unternimmt den Versuch, eine Reihe dissidenter Praktiken und künstlerischer Arbeiten neu zu betrachten, die sich kritisch zu den konformen Repräsentationssystemen sowie den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen positionierten, die in Peru zwischen dem Militärputsch von 1968 und dem Selbstputsch von Präsident Alberto Fujimori (1992) vorherrschten.
Der Militärputsch von 1968 markierte den Beginn einer Diktatur, die in vielerlei Hinsicht einzigartig war: Sie zielte darauf ab, den Zusammenbruch der Oligarchie voranzutreiben und die Modernisierung der Industrie durch radikale Reformen herbeizuführen, was im Gegenzug  ein von staatlicher Verfolgung geprägtes Klima erzeugte.
In den 1970er Jahren entwickelten sich die Wege der experimentellen Kunst in Peru in zwei Richtungen: Auf der einen Seite etablierte sich eine „konzeptuelle“, gegen den Kunstbetrieb gerichtete Institutionskritik. Auf der anderen Seite entstanden im Dialog mit der andischen Kultur neue Formen kollektiver Produktion, die von der Militärregierung geschützt wurden.
Die Krise der Militärregierung sowie die Wiedereinführung der Demokratie schufen 1980 eine Atmosphäre kritischer Reflexion, die mit dem Beginn des bewaffneten Kampfes der Untergrundorganisation „Leuchtender Pfad“ zusammenfiel. Ein Kampf gegen die Regierung, der in einem Genozid gegen weite Teile der Bevölkerung kulminierte, an dem die Aufrührer ebenso beteiligt waren wie die Armee.
In den 1980er Jahren führten die kollaborativen Aktivitäten verschiedener Künstlergruppen zu einer Anerkennung der Kunst als Raum der politischen Anklage und Neubestimmung, die an einer „andischen Moderne“ ansetzte. Andere Künstler versuchten mittels Performances und Interventionen die psychologischen und physischen Folgen der Gewalt zu versinnbildlichen. (Miguel López, Emilio Tarazona)


WERKE
Alle Texte, wenn nicht anders vermerkt: Miguel López und Emilio Tarazona

Lucy Angulo, Hugo Salazar del Alcázar, Jesús Ruiz Durand, Mario Pozzi-Escott and Leslie Lee
Por el derecho a la vida (Für das Recht auf Leben), 1985
Videodokumentation der kollektiven Installation, Übersetzung und Untertitelung: Janine Soenens
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Im Januar 1985 stellte eine Künstlergruppe in der städtischen Galerie Miraflores in Lima eine Installation mit dem Titel Für das Recht auf Leben aus. Es handelte sich um eine der ersten Ausstellungen, in denen Künstler innerhalb des offiziellen Kunstbetriebes auf  jene Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machten, die von der Armee und der Gruppe PCP Leuchtender Pfad verübt wurden. Das Dokumentarvideo – das hier zum ersten Mal zu sehen ist – zeigt Bilder der Ausstellung und enthält eine Reihe von Interviews mit Künstlern, Intellektuellen, Politikern und Aktivisten, die sich zu der gewalttätigen Situation in Peru äußern.

Luis Arias Vera / Referat für Soziokulturelle Freizeit des Nationalen Instituts für Freizeit, Leibeserziehung und Sport
Carrera de Chasquis (Chasquis-Rennen), 1974 and 1976
Dokumentation des Staffellaufes in verschiedenen Provinzen Perus, Courtesy: Luis Arias Vera
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Die Chasquis-Rennen waren Kultur- und Sportveranstaltungen, die der Künstler Luis Arias Vera 1974 und 1976 für das Nationale Institut für Freizeit, Leibeserziehung und Sport (INRED) der Militärregierung durchführte. Arias Vera teilte die Veranstaltung auf verschiedene Spielstätten auf, um dadurch mehr als 250 ländliche Gemeinden im Norden und Süden Perus miteinander zu verbinden. Das Projekt bestand in einem Staffellauf, bei dem jede teilnehmende Gemeinde zu einem Ort der Partizipation an multidisziplinären Kunstformen wurde. Das Wort „chasqui“ entstammt der Quechua-Sprache und bedeutet „Empfänger“ oder „Bote“. Die Rennen verwiesen auf jene Boten des Inkareiches, die ihre Nachrichten mithilfe von Staffelläufen über das gesamte Reich hinaustrugen.

Teresa Burga, (1940, PE)
Autorretrato. Estructura. Informe. 9-6-72 (Selbstporträt. Struktur. Werte. 9-6-72), 1972
Installation aus grafischen Arbeiten, Fotos, einer Ton-Licht-Einheit und anderem, Courtesy: Teresa Burga und Archiv Miguel López/Emilio Tarazona
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Unter dem Begriff „Selbstporträt“ stellte Teresa Burga eine Reihe von Dokumenten und Diagrammen aus, die eine Annäherung an die Künstlerin erlaubten. Die Installation war in drei Bereiche unterteilt – Gesichtswerte, Herzwerte, Blutwerte –, die auf Daten basierten, die alle von einem Tag (9. Juni 1972) stammten. 

Contacta. Festival de Arte Total (Contacta. Totalkunst Festival), 1971–1979
Das Contacta Totalkunst Festival, das von Künstlern wie Francisco Mariotti und Luis Arias Vera betrieben wurde, ist eines der außergewöhnlichsten Beispiele multidisziplinärer Kunstexperimente der 1970er Jahre. Es wurde später von der Militärregierung mithilfe der Institution „Nationales System zur Unterstützung der Sozialen Mobilisierung“ (SINAMOS) übernommen. Das ursprüngliche Festival, das auf einer öffentlichen Ausschreibung basierte, fand im Juli 1971 und 1972 jeweils über vier Tage – und jeweils 24 Stunden non-stop – statt. Es brachte „offizielle“ und experimentelle Künste, Theater, Lyrik, Musik, Film und traditionelles Handwerk zusammen. Der Erfolg von Contacta 72 führte zu weiteren Festivals im Inland Perus, wie etwa die Inkarri Festivals (1973). 1979 führten einige Künstler der Gruppe Paréntesis und Mariotti noch einmal das Contacta Festival durch.

Jorge Eielson (1924, PE – 2006, I)
Serie Unterirdische Skulpturen, 1966-1969
Verschiedene Formate, Courtesy: Privatsammlung
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Während der späten 1960er Jahre entwickelte Jorge Eielson eine Serie von Skulpturen, die in verschiedenen Städten, in denen er Kontakte hatte, vergraben werden sollten. Unterirdische Skulpturen bestand aus zehn Objekten, die in ihrer gezielten Unsichtbarkeit und Unrealisierbarkeit als Utopien konzipiert waren. Das unvollendete Werk umfasste Skulpturen für Rom, Paris, Lima, Antwerpen, Bangkok, Sardinien, New York, Tokio und die Eninger Weide in Reutlingen. Ein weiteres Objekt, das Eielson für den Mond vorsah, schickte er ohne Erfolg an die NASA.

Rafael Hastings (1945, PE)

Ohne Titel, 1970
Dokumentation der Installation, 3 Fotos, Courtesy: Archiv Miguel López/Emilio Tarazona
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Die Einzelausstellung des Künstlers im Institut für zeitgenössische Kunst (ICA) in Lima wurde von einer Zeitung mit der Schlagzeile angekündigt: „Hastings beurteilt peruanische Malerei“ – nicht ohne im Artikel hervorzuheben, dass dieser der Malerei „abgeschworen“ hatte. Hastings zeigte zwei Serien von Informationstafeln: Die eine bezog sich auf die Entwicklung der peruanischen Malerei, die andere enthielt Daten zum Leben des peruanischen Kunstkritikers Juan Acha. Die Rolle des Kritikers wurde dabei als eines unter vielen Elementen im System gesellschaftlicher und politischer Beziehungen bloßgestellt, auf denen der Kunstbetrieb beruht.

Projet de non-réalisation (Unrealisierbares Projekt), 1971
Papierdruck, 114 x 84 cm, Privatsammlung
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Unrealisierbares Projekt ist Teil einer Serie von Arbeiten, in denen der Künstler die Rolle des Kritikers, der „Konzeptkunst“ und des Publikums reflektiert. Das Werk wurde mit der Post verschickt und/oder als Fotokopie verbreitet, sodass es überall ausgestellt werden konnte. Ohne dessen Namen zu erwähnen, antwortete der Künstler damit auf die Einladung des französischen Kritikers Jean Marc Poinsot, an einer Mail Art-Ausstellung im Rahmen der Paris Biennale von 1971 teilzunehmen. Sarkastisch forderte er den Kritiker dazu auf, das Werk zu „beseitigen“ oder zu „vollenden.“

Taller E.P.S. Huayco (Francisco Mariotti, Maria Luy, Rosario Noriega, Herbert Rodríguez, Juan Javier Salazar, Armando Williams, Mariela Zevallos), 1980 – 1982

Cojudos (Arschlöcher), 1980
Siebdruck auf Holz, 65 x 50 cm, Courtesy: Museo de Arte de Lima Collection, Schenkung von Jorge Gruenberg
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1980 eignete sich die Gruppe Taller E.P.S. Huayco in einigen Siebdrucken und Aufklebern das Porträts des linken Poeten César Vallejo an. Das Wort, das sie über seinem Kopf anbrachten – „COJUDOS“ („Arschlöcher“) – scheint darauf abzuzielen, den politischen Gehalt seiner Schriften zu betonen und so seinem offiziellen Image als „melancholischer Poet“, das ihm unfreiwillig zuteil wurde, entgegenzuwirken. 

Arte al paso (Kunst auf dem Weg), 1980
Dokumentation eines Gemäldes aus 10.000 leeren Dosen verdunsteter Milch, Courtesy: Francisco Mariotti
Sarita Colonia, 1980
Dokumentation eines Gemäldes aus 12.000 leeren Dosen verdunsteter Milch, Courtesy: Francisco Mariotti
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1979 begann eine Gruppe junger Künstler damit, auf der Basis einfacher Materialien populäre Ikonen des städtischen Lebens aus einer linken Perspektive neu zu interpretieren. Dies war der Beginn der Werkstatt von E.P.S Huayco, die für rund zwei Jahre aktiv war.
Eines der wichtigsten Projekte war die Installation Kunst auf dem Weg, die in der Galería Forum in Lima präsentiert wurde. Ein auf dem Boden arrangierter Teppich aus bemalten Blechdosen stellte ‚salchipapas’ (ein Fastfood-Produkt) dar. Zudem gaben die Künstler ein Manifest mit einem Text des linken Kritikers Mirko Lauer heraus, in dem der bürgerliche Kunstgeschmack angegriffen wurde. Etwas später stellte die Gruppe das Bild der inoffiziellen Heiligen Sarita Colonia nach, die in den Kreisen peruanischer Immigranten und sozialer Randgruppen verehrt wurde. Das Bild, das erneut aus Blechdosen bestand, wurde diesmal auf der Autobahn Panamericana Sur installiert. Die Landschaft der Migrationsroute wurde bald zur Pilgerstätte der Gläubigen.

Francesco Mariotti (1943, CH)
Lavatorio artificial para uso especial (Künstliches Waschbecken für besonderen Gebrauch), 1975 / 2009
Intervention in öffentliche Toiletten, Courtesy: Francesco Mariotti
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Künstliches Waschbecken für besonderen Gebrauch war 1975 ursprünglich für eine Ausstellung in der Galerie der Banco Continental in Lima produziert worden. Die Arbeit wurde jedoch nie ausgestellt, und wie viele andere Werke dieser Zeit wurde sie anschließend zerstört. Auf kritische Weise kommentiert sie  das repressive Umfeld und die ökonomische, soziale und politische Krise des Landes. Die aktualisierte Version dieser nie gezeigten Arbeit wird nun als eine Intervention in den beiden öffentlichen Toiletten des Kunstvereins präsentiert.

Francesco Mariotti (mit Gerardo Zanetti)
CARLOS MARX canta y baila para usted LA INTERNACIONAL (KARL MARX spielt und tanzt für Sie die DIE INTERNATIONALE), 1984
Mechanisches Objekt und Video (Video: Ulrike Buck), Courtesy: Francesco Mariotti
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1984 stellten Francisco Mariotti und der Journalist Gerardo Zanetti ein amüsantes mechanisches Objekt her, das Karl Marx darstellt. Es handelt sich um eine kritische Anspielung auf die ikonische und diskursive Verwertung des einflussreichsten Kommunisten, der hier symbolisch zum Spielzeug wird.

Alfredo Márquez (1963, PE)
CHINACHOLA, 2006
Siebdruck auf Papier, 74 x 55 cm, Courtesy: Museo de Arte de Lima Collection,  Ankaufskommission zeitgenössische Kunst 2007, Schenkung von Manuel Velarde und Carlos Marsano
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Die Gruppe Taller NN (NN steht für die Initialen unidentifizierbarer Personen) wurde 1989 zur 3. Architekturbiennale von Havanna eingeladen. Sie zeigte einen Siebdruck mit dem Gesicht Mao Zedongs, das durch ein Foto von Gefangenen der Gruppe Leuchtender Pfad sowie den Slogan „Viva el Maoismo“ (Lang lebe der Maoismus) überlagert wird. 1994, während der Diktatur von Alberto Fujimori, wurde der Künstler, der die Grafik unterzeichnet hatte (Alfredo Márquez), verschleppt und eingesperrt. Der „Verteidigung des Terrorismus“ bezichtigt, wurde fast die gesamte Auflage vernichtet.

Yvonne von Möllendorff (PE)
Ohne Titel (Verbal-Ballett), 1970
Dokumentation einer Performance im Institute of Contemporary Art in Lima (6. August)
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Die Choreografin Yvonne von Möllendorff führte im Institut für zeitgenössische Kunst (ICA) in Lima eine Tanzperformance auf. Während sie regungslos vor dem Publikum verharrte, beschrieb eine Stimme vom Band die Schrittfolgen verschiedener Tänze, die als Teil der Vorführung angekündigt worden waren. Möllendorff verteilte ein Manifest, in dem sie erklärte: „Es ist erforderlich, eine Kulturrevolution in Gang zu setzen, denn ohne sie kann es keine gesellschaftliche Revolution geben.“ Auf diese Weise sprach sie sich offen gegen die reformistischen Restriktionen und die Rhetorik der sogenannten „Revolutionären Regierung“ der bewaffneten Kräfte aus.

Grupo Paréntesis
(Lucy Angulo, Fernando Bedoya, Emei [Mecedes Idoyaga], José Antonio Morales, Rosario Noriega, Juan Javier Salazar, Raúl Villavicencio), 1979 gegründet und aufgelöst
Proyecto mecenas (Mäzenatenprojekt), 1979 (10-03-79 / 18-03-79 / 25-03-79)
3 Anzeigen, je 58 x 37 cm, Courtesy:  Museo de Arte de Lima Collection, Ankaufskommission zeitgenössische Kunst 2008
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Die Grupo Paréntesis trat in Lima erstmals mit der Veröffentlichung dreier Anzeigen in Erscheinung, die im Kulturteil von El Comercio geschaltet wurden – einer Zeitung, die in der Mittel- und Oberschicht weit verbreitet war. In den Anzeigen heißt es: „Bildende Künstler suchen Mäzene“, ein Satz, der ein ironisches Wortspiel birgt: „mecenas” (Mäzen) kann auch im Sinne von „me-cenas“ („du verspeist mich“) gelesen werden.

Herbert Rodríguez, (1959, PE)


Peru, 1984
Assemblage, 62 x 96 x 46 cm, Courtesy: Herbert Rodríguez
Tenga esa figura que siempre soñó (Habe diese Figur, von der du immer geträumt hast), ca. 1983-1984
Fotomontage, 36 x 25 cm, Courtesy: Herbert Rodríguez
Taller y Proyecto Arte-Vida (Werkstatt und Projekt Kunst-Leben), 1986-1991
Dokumentation der Werkstatt und Intervention im öffentlichen Raum, Courtesy: Herbert Rodríguz
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Mitte der 1980er Jahre schuf Herbert Rodríguez, ein Ex-Mitglied von Taller E.P.S Huayco, eine Reihe von Arbeiten, die sich mit der inneren Gewalt in Peru auseinandersetzte und dabei Bilder aus den Bereichen Sex, Politik und Religion miteinander verschränkte. 1986 begann er im Carpa Theater in Puente Santa Rosa (Lima) mit dem Projekt Kunst-Leben: einer experimentellen Werkstatt, in der Objekte aus einfachen Materialien und Fotomontagen für verschiedene öffentliche Orte entwickelt wurden, die einer Ästhetik zwischen Punk und Dada folgten. Ab 1988 siedelte er die Werkstatt an verschiedenen Universitäten und anderen Orten an. Hier entstanden Wandzeitungen und -malereien, die sich im Sinne widerständiger Räume gegen Entmutigung und Tod wandten.

LUZCA BELLA CADÁVERES (GLÄNZT SCHÖN KADAVER), 1984-2000
Buch aus Fotokopien, 42,5 x 30 cm, Courtesy: Herbert Rodríguez
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Ab 1984 schuf Herbert Rodríguez eine Reihe von fotokopierten Notizbüchern, die aus Duzenden von Collagen und Fotomontagen bestanden. Basierend auf Pressebildern und -texten stellen sie eine Art Chronik des Todes dar. GLÄNZT SCHÖN KADAVER ist eine Kompilation aus verschiedenen frühen Notizbüchern und kann als eine alternative, subversive und politisch unkorrekte Geschichte der inneren Gewalt zwischen 1980 und 1992 gelesen werden. Die raue Ästhetik steht dabei im direkten Gegensatz zu den jüngsten Versuchen der offiziellen Kulturelite, die Verbrechen zu verarbeiten.

Jesús Ruiz Durand, (1940, PE)
Cuatro afiches de difusión de la Reforma Agraria (Vier Propagandaposter der Landreform),1972
Offset-Druck, 100 x 70 cm, Courtesy: Museo de Arte de Lima Collection, Ankaufskommission zeitgenössische Kunst 2007
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Unter der Militärregierung von General Juan Velasco entwarf Jesús Ruiz Durand einen Propagandafeldzug, mit dem die Agrar- und Industriereform des Regimes beworben werden sollte. Die Reform zielte darauf ab, Land an die Bauern zurückzugeben und die sozialen Strukturen in Peru zu verändern. Im Gegensatz zu anderen Reformprozessen in Lateinamerika ging dieser nicht aus einer Massenbewegung hervor, sondern wurde von der militärischen Führung gesteuert. Dies nötigte die Regierung dazu, Strategien der Massenverbreitung zu entwickeln. Die von Durand produzierten Poster, die in Zusammenarbeit mit SINAMOS entstanden (eine Institution, die dazu diente, unabhängige soziale Organisationen zu kanalisieren), wurden massiv unter den andischen Bauern gestreut. Der Künstler eignete sich hierfür die nordamerikanische Pop Art an, um einen andischen „Pop“ mit Anleihen bei den eigenen Mythen zu schaffen.

Emilio Hernández Saavedra (1940, PE)
Galería de arte (Kunstgalerie), 1970
Fotos aus dem Katalog (Nachdruck 2007), 124 x 124 cm, Courtesy: Archiv Miguel López/Emilio Tarazona
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In seiner Ausstellung Kunstgalerie zeigte Emilio Hernández Saavedra eine Reihe von Fotografien, Tabellen und Daten, mit denen er den Ausstellungsort – die Galería Cultura y Libertad, die damals für ihre gewagten Ausstellungen bekannt war – auf visuelle Weise demontieren wollte: Er zeigte die Produktionsmechanismen, Verbreitungs- und Ausstellungsstrukturen der Institution auf. Zugleich veröffentlichte er einen Katalog, der einige konzeptuelle Kunstprojekte enthielt. Ausradiertes Museum zeigt zum Beispiel eine Ansicht des historischen Zentrums von Lima, aus der er das Kunstmuseum symbolisch entfernte: eine der maßgeblichen Autoritäten auf dem Gebiet der Kunst und verbürgten historischen Traditionen.

Juan Javier Salazar, (1955, PE)
Náufragos (Schiffbruch), 1985-2006
Installation, Courtesy: Juan Javier Salazar
Ñoba Ritual (Rituelle Waschung), 1986
Siebdruck auf Holz, beidseitig, 60,5 x 46,5 cm, Courtesy: Privatsammlung
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Juan Javier Salazar, Mitglied der Gruppe E.P.S. Huayco, schuf ein zutiefst ironisches Werk, das sich kritisch gegen den Kunstbetrieb sowie die Verbreitung und den kommerziellen Charakter von Kunstobjekten richtete. 1985 realisierte er die Ausstellung Rituelle Waschung: ausgehend von einer Stadt (Lima) und einem Land (Peru), die trotz hoher Luftfeuchtigkeit, aufgrund mangelnden Regens gestrandet sind. Die Assoziation von Regen mit einem Akt der Reinigung aufgreifend, zeigte er Pressebilder von Überschwemmungen, die einige Jahre zuvor den Norden des Landes erfasst hatten. Die Holzplanke eines kleinen gesunkenen Schiffs nutzte er zur Gestaltung der Bilder.

Sergio Zevallos, (D, 1962, PE)
Aus der Serie Rosa Cordis (Rose meines Herzen), 1986
Fine art Print auf Hahnemühle-Papier, 11 Fotos, je 50 x 37 cm
Courtesy: Sergio Zevallos
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Als Mitglied eines kollektiven Arbeitsprojektes, das sich 1983 in den Außenbezirken von Lima (Chaclacayo) gebildet hatte, begann Sergio Zevallos damit, den Körper als ein kritisches Instrument der Auseinandersetzung mit Gewalt einzusetzen. Obwohl die lokale Szene die Arbeiten der Gruppe ignorierte, wurden sie zum wichtigsten Bezugspunkt der politischen Kunstproduktion – und deshalb auch zu den am stärksten unterdrückten. Die Serie Rose meines Herzens zeigt eine halbnackte Figur mit Make-up, einer schwarzen Tunika und Dornenkrone. Sie verweist unmissverständlich auf  die Heilige Rosa von Lima, Amerikas wichtigste Heilige.





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