Actually, the Dead Are Not Dead. Una forma de ser

17. Oktober 2020 – 17. Januar 2021

Künstler*innen
Gerd Arntz, Daniel Baker, Canciones de la guerra social contemporánea, Joy Charpentier, Ines Doujak, El Solitario / Francisco Lameyer, Toto Estirado, Flo 6x8, Robert Gabris, María García Ruiz, Gonzalo García-Pelayo, Israel Galván, Tony Gatlif, Helios Gómez, Francisco de Goya, Isaias Griñolo, Julio Jara, Hiwa K, Teresa Lanceta, Darcy Lange / Maria Snijders, Delaine Le Bas, Los Putrefactos, Máquinas de vivir, Ocaña, Otto Pankok, PEROU, Ragel, Pedro G. Romero, August Sander, Franz W. Seiwert, SEM/EN, Stalker, Ceija Stojka, Mario Maya y Teatro Gitano Andaluz, Luca Vitone, Rosario Weiss u.a.

Kurator*innen
María García und Pedro G. Romero

EINFÜHRUNG

Mit Una forma de ser (Eine Form des Seins, des Lebens) setzt der Württembergische Kunstverein seine Ausstellungreihe Actually, the Dead Are Not Dead fort, die auf die gleichnamige Bergen Assembly 2019 zurückgeht.

Die Ausstellung, die vom 17. Oktober 2020 bis 17. Januar 2021 stattfindet, beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen dem Fest und dem Feld des Politischen. Sie untersucht das Fest als soziale und kollektive Bühne der Emanzipation und Selbstbestimmung und geht den ästhetischen und poetischen Formen nach, die sich daraus seit dem 19. Jahrhundert insbesondere im Umfeld der Subkulturen der Roma, Flamencos und Bohèmes ergeben haben.

Dabei verbindet sie bildende Kunst, Musik und Tanz ebenso miteinander wie die avancierten Künste seit dem 19. Jahrhundert und kulturelle Formen, die der Folklore und Populärkunst zugewiesen werden: Francisco de Goya mit dem vielfach preisgekrönten zeitgenössischen Flamencotänzer Israel Galván; August Sander und seine Fotografien der Kölner „Lumpenbälle“ mit dem spanischen Undergroundkünstler Ocaña; die modernistischen Grafiker Gerd Arntz und Helios Gómez mit Ceija Stojka; die andalusische Bohèmekultur des 19. Jahrhunderts mit einem an neuer Musik geschulten Flamenco.

Die Kurator*innen der Ausstellung, Pedro G. Romero und María García, beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Flamenco und den Beziehungen zwischen der Stereotypisierung, Romantisierung und Ausgrenzung europäischer Roma. Zugleich geht es ihnen immer wieder darum, aufzuzeigen, welche entscheidende Rolle Roma und andere marginalisierte Gruppen für die Entwicklung der Avantgarden gespielt haben. So ist der Flamenco Mitte des 19. Jahrhunderts im urbanen Umfeld der Roma, Bohème und des sogenannten Lumpenproletariats der Vororte Sevillas und anderer andalusischer Städte entstanden: als Gegenbewegung zu einem damals wachsenden Folklorismus in Andalusien.

Diese moderne, avantgardistische künstlerische Manifestation wird erstmals von Serafín Estébanez Calderón 1838 in seinem Text Asamblea General (Generalversammlung) beschrieben. Was Calderón hier im Wesentlichen beobachtet, ist eine Reihe von Kris, den politischen Versammlungen der andalusischen Roma, bei denen die Gemeinschaften aus Málaga, Cádiz und Sevilla ihre Angelegenheiten und Streitigkeiten regelten und die immer mit einem Fest verbunden waren.

Dieser Text sowie eine der Grafiken, die der Goya nahe stehende Künstler Francisco Lameyer dafür anfertigte, sind Ausgangspunkt der Ausstellung, ebenso wie die Serie Los Disparates von Francisco de Goya selbst: Eine Serie düsterer, karnevalesker und grotesker Szenarien mit vielfältigen Anspielungen auf die damalige politische Situation. Von hieraus spannt die Ausstellung mit Künstler*innen wie Delaine Le Bas, Robert Gabris und Teresa Lanceta den Bogen bis hin zur zeitgenössischen Kunst.

Eine wichtige lokale Referenz stellt der Stuttgarter Vagabundenkongress dar, der 1929 von Gregor Gog einberufen worden war und unweit der damals neuen Weißenhofsiedlung auf dem Killesberg stattfand. Bereits 1982 haben sich der Württembergische Kunstverein und weitere Kunstinstitutionen im Rahmen der Ausstellung Wohnsitz: Nirgendwo mit diesem Kongress und seinen Umfeldern beschäftig. 2014 widmete ihm das Stuttgarter Theater Rampe ein Reenactment.

Unter dem Titel Una forma de ser, eine Form des Seins oder Lebens, geht es den Kurator*innen darum, die Gemeinschaften der Flamencos, Roma und Bohèms jenseits von Identitätspolitiken im Hinblick auf Formen und Strategien der politischen Subjektivierung zu verhandeln.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Erfahrungen von Lockdown und sozialer Distanz haben sie das thematische Feld der Ausstellung erweitert und rekontextuiert: Ist doch das Fest der Inbegriff sozialer und körperlicher Nähe. Darüber hinaus sind bestimmte soziale Gruppen wie die Roma von der Corona-Pandemie und ihren Folgen besonders stark betroffen und hat sich ihre bereits lange davor bestehende gesellschaftliche Ausgrenzung noch verschärft. Insofern greift die Ausstellung auch raumpolitische Aspekte auf.

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