Shutdown Programm #11

Verena Lehmann, #dasdenkmalbleibt
VORTRAG + ONLINE GESPRÄCH
Freitag, 29. Januar 2021, 19 Uhr
Mit Verena Lehmann und Ülkü Süngün
Sprache: Deutsch, System: Zoom
Anmeldung / Linkvergabe unter
ruehl(at)wkv-stuttgart.de

im Rahmen der Gesprächsreihe
Über lokale und globale Strukturen von Antiziganismus

kuratiert und moderiert von Ülkü Süngün

Gedenkstätte in Berlin an die rund 500.000 Opfer des nationalsozialistischen Völkermords an den europäischen Sinti*zze und Rom*nja, Foto: Verena Lehmann

Am Freitag, den 29. Januar 2021 ab 19 Uhr, sprechen Verena Lehmann, Referentin für Teilhabe und Bildung im Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg, und Ülkü Süngün, Künstlerin und Moderation, in Form eines Online-Gesprächs über die Berliner Aktion Das Mahnmal der ermordeten Sinti und Roma bleibt!. Darüber hinaus geht es um weitere aktuelle Bürger*innenrechtsbewegungen der Sinti*zze und Rom*nja mit Fokus auf Baden-Württemberg. An aktuellen Beispielen macht Lehmann fest, wie Formen von Antiziganismus im Alltag präsent sind. So zählen zu den Opfern des rassistischen Mordanschlags in Hanau am 19. Februar 2019 auch drei Rom*nja: Mercedes Kierpacz, Kalojan Velkov und Vili Viorel Paun. Lehmann schildert aus der rekonstruierten Perspektive des Vaters von Vili Viorel Paun den Tatablauf und erläutert, warum die Opfer kurz nach der Tat kaum öffentlich betrauert werden konnten.

Hintergründe
Erst im Jahr 1982 erkannte die Bundesrepublik Deutschland die Verfolgung und Vernichtung der Sinti*zze und Rom*nja als einen im nationalsozialistischen Regime begangenen Völkermord an. Jahrelange massive Proteste und Aktionen von Sinti*zze- und Rom*nja-Verbänden gegen ihre Ausgrenzung und Ungleichbehandlung waren der Anerkennung vorausgegangen. Im Jahr 2012 wurde schließlich im Berliner Tiergarten ein Mahnmal eingeweiht: Südlich des Reichstags erinnert die vom Künstler Dani Karavan entworfene Gedenkstätte an die rund 500.000 Opfer des Porajmos – das Romanes-Wort für den nationalsozialistischen Völkermord an den europäischen Sinti*zze und Rom*nja. Obwohl Angehörige und Bürger*innen dort endlich einen Ort haben, an dem sie der Ermordeten an einem symbolischen Grab öffentlich gedenken können, entbrannte Mitte 2020 ein Konflikt um geplante Bauarbeiten an einer S-Bahn-Trasse, die das Denkmal bedrohten. Verena Lehmann setzt sich als Teil des Aktionsbündnisses Unser Denkmal ist unantastbar! für den Schutz und Erhalt des Mahnmals in Berlin ein und hat die Petition Das Mahnmal der ermordeten Sinti und Roma bleibt! mit initiiert.

Kommentar Ülkü Süngün
Den Schwerpunkt des Online-Gesprächs mit Verena Lehmann über  Bürger*innenrechtsbewegungen der Siniti*zze und Rom*nja nach 1945 möchte ich ausgehend von zwei Arbeiten aus der aktuellen WKV-Ausstellung Actually, the Dead Are Not Dead. Una forma der ser entwickeln, die von den Künstler*innen Otto Pankok und Ceija Stojka stammen.
Die großformatigen Portrait-Kohlezeichnungen des Düsseldorfer Künstlers Otto Pankok (1893-1966) zeigen eine Reihe von Sinti*zze, die er in der unmittelbaren Nachbarschaft seines Ateliers auf dem Düsseldorf Heinefeld – dem damals größten informellen Wohnareal Deutschlands, in den Jahren 1931 bis 1934 kennengelernt hatte. Gaisa von Auschwitz zurück ist ein 1948 entstandenes einfühlsames Portrait einer jungen Frau, die mittig im Bild auf einem Weg steht, wobei man ihre Füße nicht sehen kann. Pankok hat mehrere Portraits von ihr angefertigt. In Gaisa von Auschwitz zurück trägt sie ein Kleid und hat ihre Hände hinter dem Rücken verschränkt. Rechts im Hintergrund ist ein komplett vergittertes Gebäude zu sehen mit seltsam eckig aufsteigendem Rauch aus dem Schornstein. Um das Haus stehen stark stilisierte kahle Bäume. Bei genauerem Hinsehen ähneln sie kopf- und schwanzlosen Fischskeletten und wiederholen sich als Muster im Brustbereich von Gaisas Kleid. Im linken unteren Bildrand befinden sich auf dem Weg auch ein leerer Becher und Teller. Leer ist auch die Öllampe, die links oben hängt. Ein stilisiertes Gesicht mit großer Nase, ähnlich einer einfachen Kinderkreidezeichnung, schaut in der linken Bildhälfte lächelnd zwischen Bäumen oder Sträuchern hervor. Die junge Frau in der Bildmitte hat schulterlanges dunkles Haar, ihr schönes Gesicht ist eingefallen und ausgemergelt, die Augen sind weit geöffnet doch der Blick gleitet aus dem Bild ins Leere, sie scheint nichts zu betrachten, sondern in sich gekehrt an etwas zu denken. Pankok kennt und zeigt sie aus der Perspektive eines Gadscho, also Nicht-Rom*nja, wie sie als Überlebende ganz allein da steht mit nichts.
Die ebenfalls in der Ausstellung zu sehenden und erst ab 2000 bis kurz vor ihrem Tod entstandenen kleinformatigen Tuschearbeiten der Österreicherin und Lovara-Rom*nja Ceija Stojka (1933-2013) tragen Titel wie Auschwitz. Wir schämten uns, Block 11. Arbeit macht frei oder Sieg Heil! Ein Volk, ein Reich, ein Führer. Roh, reduziert auf das Wesentliche, schnörkellos und brutal direkt, sind die verstörenden Zeichnungen wie ein Schlag ins Gesicht. Kleine Details, Wörter und Erinnerungsfetzen lassen die von ihr in Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen bis zu ihrer Befreiung im Alter von 12 Jahren erlebten Schreckenssituationen in unsere Gegenwart hereinbrechen. Als Trauma eingeschrieben, können sie über Generationen weitervererbt werden.
Pankok und Stojka geben in ihren Arbeiten somit die Lebensrealität von Sinti*zze und Rom*nja im Nachkriegsdeutschland zwischen Entrechtung und Sprachlosigkeit wieder.

Otto Pankok, "Gaisa von Auschwitz zurück", 1948, Courtesy: Pankok Museum Haus Esselt, Hünxe
Ceija Stojka, Die Gejagten. "Die Ankunft war so …", ohne Jahr, Courtesy: Stiftung Kai Dikhas, Berlin

Erst im Jahr 1982 war die Verfolgung und Vernichtung der Sinti*zze und Rom*nja als ein aus rassistischen Gründen begangener Völkermord durch die Bundesrepublik Deutschland anerkannt worden. Dem waren jahrelange massive Proteste und Aktionen einzelner Sinti*zze und Rom*nja Verbände vorausgegangen, die in den 1970er-Jahren vehement auf ihre Ausgrenzung, Entrechtung und Ungleichbehandlung hingewiesen haben. Hierzu gehören die Kundgebung im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen 1979 sowie der Hungerstreik in Dachau 1980. Die Landesverbände schlossen sich 1982 zum Zentralrat Deutscher Sinti*zze und Rom*nja mit Sitz in Heidelberg zusammen und konnten vereint Druck auf die Regierung aufbauen, da ihre Forderungen zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit fanden. Daraufhin wurde 1981 eine Wiedergutmachung als sogenannte Härteregelung in Form eines Fonds mit Pauschalzahlungen für Überlebende eingerichtet. Davor wurden aus den Konzentrationslagern wiederkehrenden Überlebenden jahrelang berechtigte Ansprüche und Unterstützungsleistungen systematisch verwehrt oder gemindert mit der Begründung, Sinti*zze und Rom*nja seien nicht aus rassistischen Gründen, sondern als potenzielle Verbrecher*innen „kriminalpräventiv“ inhaftiert worden. Dies wird als „zweite Verfolgung“ bezeichnet und gilt als gezielte, aktive Desintegrationspolitik gegenüber den Opfern.  Nach 1945 ging die behördliche und polizeiliche Diskriminierung der Sinti*zze und Rom*nja ungebrochen weiter: Viele der für die Verfolgung und Vernichtung Verantwortlichen jedoch machten unbehelligt in Behörden und Universitäten der Bundesrepublik bis in die 1960er-Jahre Karriere. Das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti*zze und Rom*nja Europas wurde erst 2012 nach vielen Kontroversen eingeweiht.

Verena Lehmann

Verena „Marge“ Lehmann ist Referentin für Teilhabe und Bildung im Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg. Sie ist Mitbegründerin der Initiative Sinti-Roma-Pride, einer unabhängigen Organisation für die junge Generation der Sinti*zze und Rom*nja, die sich für deren Gleichberechtigung und kulturelle Teilhabe einsetzt.

Ülkü Süngün
Ülkü Süngun ist eine Stuttgarter bildende Künstlerin. In ihrer Arbeit setzt sie sich über unterschiedliche Medien wie Bildhauerei, Installation oder Lecture Performances kritisch mit Identitäts- und Migrationspolitiken auseinander und betreibt mit ihrer prozessoffenen und kollaborativen Vorgehensweise künstlerische Forschung.

Zur Veranstaltungsreihe
Das Online-Gespräch #dasdenkmalbleibt ist der zweite Teil der vierteiligen von Ülkü Süngün kuratierten Veranstaltungsreihe Über lokale und globale Strukturen von Antiziganismus, die Fragen der aktuellen – leider derzeit geschlossenen – WKV-Ausstellung Actually, the Dead Are Not Dead. Una forma de ser vertieft und lokal kontextualisiert. Dabei geht es um eine Auseinandersetzung mit der Emanzipation der Rom*nja und Sinti*zze im Angesicht der gegenwärtigen Formen und Praktiken ihrer Diskriminierung.

In der aktuellen WKV-Ausstellung Actually, the Dead Are Not Dead. Una forma de ser, kuratiert von María García und Pedro G. Romero, werden künstlerisch-politische Artikulationen insbesondere der in Spanien lebenden Sinti*zze und Rom*nja, neben Werken über ihre widerständigen Praktiken und ihre Emanzipation, vielfältig thematisiert. Zentral hierbei ist das Fest, der Flamenco und die Kris – eine politische Form der Versammlung. Ausgehend und inspiriert von den künstlerischen Arbeiten der Ausstellung möchte ich mit der vierteiligen Programmreihe Über lokale und globale Strukturen von Antiziganismus, einige Fragestellungen der Ausstellung bezüglich des Wohnens, der Kriminalisierung, sowie der Verfolgung und Vernichtung thematisieren. Dabei sollen vor allem widerständige Praktiken innerhalb der Bürger*innenrechtsarbeit aufgegriffen und diese in einen Zusammenhang mit lokalen Ereignissen gebracht werden.
In Deutschland werden Ressentiments und Vorurteile gegenüber Sinti*zze und Rom*nja oft in die NS-Zeit projiziert und somit externalisiert, obwohl der Antiziganismus eine lange Vorgeschichte hat und auch nach Kriegsende wegen mangelnder Aufarbeitung ungebrochen weitergewirkt hat. Selbst heute findet er sich in konkurrierenden Erinnerungspolitiken zu den Verfolgten und Ermordeten des NS-Regimes wieder. In Formen von andauernder Kriminalisierung und extensiver polizeilicher Erfassung ist er ebenso auszumachen wie in Verbindung mit Migration und Flucht vor allem aus dem Balkan.
– Ülkü Süngün

Alle Veranstaltungen der Reihe Über lokale und globale Strukturen von Antiziganismus im Überblick

Radu Ciorniciuc, Filmemacher
Acasa, My Home
STREAMING
7.–10. Dezember 2020
ONLINE GESPRÄCH
Sprache: Englisch
Montag, 7. Dezember 2020, 19 Uhr
Mit Radu Ciorniciuc, Lina Vdovil, Ümit Uludag, Ülkü Süngün

Verena Lehman, Mitbegründerin der Initiative Sinti-Roma-Pride
#dasdenkmalbleibt
VORTRAG + GESPRÄCH (ONLINE)
Sprache: Deutsch
Freitag, 29. Januar 2021, 19 Uhr
Mit Verena Lehmann und Ülkü Süngün

Frank Reuter, Forschungsstelle Antiziganismus, Heidelberg
Der selektive Blick
Sprache: Deutsch
VORTRAG + GESPRÄCH (ONLINE)
Sprache: Deutsch
Mittwoch, 10. Februar 2021, 19 Uhr

Mehmet Daimagüler, Rechtsanwalt (u.a. NSU Opferanwalt)
Zum Bandanschlag auf eine Rom*nja-Familie in Ulm
Sprache: Deutsch
VORTRAG + GESPRÄCH
Mittwoch, 17. März 2021, 19 Uhr

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