Dominique Hurth. Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden
WERKE IN DER AUSSTELLUNG (Auswahl)
Courtesy (wenn nicht anders erwähnt): Dominique Hurth
Entfaltungen, 2013
Digitaldruck, DIN A0; Video, 1:40 Min.
Realisiert im Rahmen der Vitrinenausstellung Zerstörte Vielfalt 1933-1938-1945. Jüdisches Leben 1933–1945
Die zweiteilige Arbeit verknüpft den Vorgang des Zusammenfaltens eines Stofftaschentuches – bis an dessen Grenzen – mit Angaben zur systematischen Abwicklung und Arisierung des Leinenunternehmens Grünfeld in Landshut und Berlin.
Scheibengardinen, keine Übergardinen. Nur Scheibengardinen, so. Solche Gardinen, 2020
Dokumentation von Hurths dauerhafter Installation in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
6 Digitaldrucke; Webproben; Publikationen und andere Materialien
Die Ausstellung zeigt die Dokumentation einer dreiteiligen Installation, die Hurth 2020 für das ehemalige Haus der Aufseherinnen in Ravensbrück realisiert hat. Sie macht die skrupellose „Gemütlichkeit“ der Unterkünfte des weiblichen KZ-Personals sichtbar. Ausgangspunkt waren private Fotografien der Wohnungen, die Einsichten in Details der häuslichen Einrichtung geben. Auf den Fotos zeugen Gardinen, gepolsterte Eckbänke, Tischdecken, Kommode, Kissen, Teppiche usw. von einer wohligen Innendekoration. In einigen Fällen rahmen Vorhänge den Blick nach draußen, in anderen verdecken sie ihn. Durch die Fenster konnte man entweder auf die idyllische Siedlung der Aufseherinnenhäuser oder auf die Lagerstraße und das Lagertor blicken. Gemeinsam mit der Textilgestalterin Christina Klessmann hat Hurth mehrere Vorhänge nachgewebt, denen bewusst Webfehler und Laufmaschen hinzugefügt wurden.
Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden, 2022–2025
Installation: C-Prints, Riso-Prints, Siebdrucken, Drillich (UT: Notizen); Video, 96 Min., 2025; Insitu Wandarbeit, 2025
Koproduziert mit Unterstützung von: Recherche: Berliner Förderprogramm Künstlerische Forschung; Bureau des Arts Plastiques, Institut Français Berlin; Akademie der Künste, Berlin; Video: Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Kulturstiftung des Bundes, Fondation Tour du Monde
In dieser Installation verwebt Hurth Texte, Bilder und andere Objekte, die sie im Rahmen ihrer langjährigen Forschung aus zahlreichen Archiven und Sammlungen zusammengetragen hat, mit ihren eigenen textilen Experimenten. Im Fokus stehen die Textil- und Produktionsgeschichten sowie die Objektbiografien der weiblichen Uniformen, in die sich Zwangsarbeit, Gewalt und Geschlechterrepräsentationen eingeschrieben haben. Der Titel bezieht sich auf eine speziell an das weibliche Wachpersonal gerichtete Dienstanweisung des Lagerkommandanten Max Koegel.
Neue Werke der Installation sind ein 96-minütiger Videoessay sowie eine Wandarbeit. Zudem umfasst sie Mode-, Wirtschafts- und Unternehmensmagazine der 1930er- und 1940er-Jahre sowie Uniformen aus Berliner und Stuttgarter Theaterdepots. Die meisten bis heute erhaltenen Uniformen aus der NS-Zeit sind bemerkenswerterweise nicht in Museen oder Gedenkstätten, sondern in Theaterdepots zu finden.
Der Videoessay fasst die Forschung Hurths in den Archiven und Sammlungen der NS-Gedenkstätten in Ravensbrück und Dachau, im Bundesarchiv, in Militärmuseen in Dresden, Paris und London, Theaterdepots und internationalen Modearchiven zusammen. Eigene Aufnahmen und gefundene Materialien wurden zu einer komplex ineinander verschachtelten Montage, die quer zu linearen Zeitmodellen und dichotomen Erzählungen verläuft, komponiert.
Die Wandarbeit zitiert drei Anweisungen aus Koegels Dienstvorschriftenkatalog von 1942, in denen die bürokratische Sprache des NS-Regimes und dessen Frauenbild zusammenfließen.
Case/Stage (The Background of an Evidence Given by Women Against Women),
2022–2025
Installation aus Gipskartonplatten, 30 Aquarellen auf Papier (je 21 x 29,7 cm), Texten in Glasrahmen, Diaprojektionen, handgefärbtes Gewebe (Birke und Nesseln, 400 x 500 cm)
Recherche mit Unterstützung von Berliner Förderprogramm Künstlerische Forschung
Ausgangspunkt der Installation sind die Protokolle und Fotodokumentationen von NS-Kriegsverbrecher*innenprozessen, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg stattfanden und in denen ehemalige Aufseherinnen des Konzentrationslagers Ravensbrück verhört wurden. Konkret bezieht sich Hurth hier auf den ersten Belsen-Prozess in Lüneburg (1945) sowie auf den ersten und sechsten Ravensbrück-Prozess in Hamburg (1946–1947). In der Installation greift sie den bühnenhaften Charakter der damals improvisierten Verhandlungsräume der britischen Militärgerichte auf, indem sie diese in stilisierter Form aus Gipskartonplatten nachbaut. Auf der Basis einer Auswahl aus den Fotodokumentationen der Prozesse hat sie eine Serie von 30 Aquarellen angefertigt, die die Vorlagen aufgreifen, interpretieren und dabei bestimmte Aspekte hervorheben. Die nahe am Boden ausgerichteten Diaprojektionen sowie die gerahmten Texttafeln, die über eine treppenartige Konstruktion verteilt sind, enthalten Auszüge aus den Prozessakten. Neben Rechtfertigungen und Verharmlosungen auf der Seite der Angeklagten, zeigen diese Texte auch, wie die Gerichte den NS-Akteurinnen das Urteilsvermögen, die Souveränität und den Intellekt absprachen.
Where Memory Gathers Bones, 2023
Mit Marlene Pardeller
Video, Format 4:3, 17 Min.
Mercedes-Benz betrieb während des Zweiten Weltkriegs in Ludwigsfelde, nahe Berlin, eines der größten Zwangsarbeiter*innenlager Deutschlands. Von August bis Oktober 1944 rekrutierte das Stuttgarter Unternehmen dort rund 1.100 Frauen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück. Von November 1944 bis zum Kriegsende im Mai 1945 mussten diese in einem Keller, der sogenannten Deutschlandhalle, ohne Tageslicht ausharren. In unmittelbarer Nähe dieses Kellers befindet sich ein Massengrab. Es wird angenommen, dass dort die Überreste von mindestens 100 italienischen Zwangsarbeiter*innen liegen, die an Typhus gestorben sind. Weder die Stadt Ludwigsfelde noch Mercedes-Benz übernehmen die Verantwortung dafür, diese Geschehnisse aufzuklären. Der Film, der auf Aufnahmen vor Ort basiert, geht dem Ausmaß dieser Verdrängung nach.
Maschinen dröhnen, Nadel schleppt den Faden, scharfes Messer glänzt, schneidet entzwei und sticht, 2023–2025
Mit Christina Klessmann
Gewebe (Kette: 100% Baumwolle, Schuss: verschiedene Leinensorten von diverser Feinheit), 1500 x 100 cm
Koproduziert mit Unterstützung von Berliner Förderprogramm Künstlerische Forschung
Kern dieser Installation ist eine von Christina Klessmann handgewebte, 15 Meter lange Stoffbahn. Die Länge der Bahn entspricht dem Pensum, das eine Gefangene während einer zwölfstündigen Schicht in der Weberei des Konzentrationslagers Ravensbrück abzuleisten hatte. Die Unregelmäßigkeiten im Gewebe zeugen von der unter Zwang verrichteten Arbeit. Die Farbgebung greift die damals vorgeschriebenen Uniformtöne auf.
#Note 9, the Loom, 2024
Diaprojektion, Serie von 80 Dias, schwarzweiß, 35 mm
Realisiert im Rahmen des Villa Serpentera Stipendiums (Akademie der Künstle, Berlin–Villa Massimo, Rom), 2024
Die Diaprojektion basiert auf einer Auswahl von Fotografien aus dem sogenannten SS-Fotoalbum des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück, das 1940 zu Propagandazwecken angelegt wurde. Die Auswahl konzentriert sich auf Bilder aus den Webwerkstätten der Texled GmbH, die den Arbeitsalltag auf eine geschönte Weise darstellen. Gewalt, Ausbeutung, Hunger und Erschöpfung werden dabei ausgeblendet. Hurth hat die Fotos bearbeitet, zeigt grob aufgerasterte Fragmente davon. So schafft sie eine Ebene, auf der auch die Politiken des Blicks, die dem Umgang mit Geschichte eingeschrieben sind, thematisiert werden. Die Diaprojektion verbindet die Bilder mit Zwischentiteln, die neben nüchternen Beschreibungen der Kontexte auch die Kommentare ehemaliger Zwangsarbeiterinnen enthalten. Diese durchbrechen auf einer weiteren Ebene die durch das Album – als einziges fotografisches Zeugnis aus dem Lager – konstruierte Erzählung.
Das Ob der Tat, 2025
20 Aquarelle auf Papier, 10 Digitaldrucke, Fototapete, Fotos von Friedhelm Zingler
Koproduziert mit Unterstützung von Württembergischer Kunstverein
Hurths neue Arbeit basiert auf ihrer Auseinandersetzung mit dem dritten Majdanek-Prozess, der 30 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg begann und am Landgericht Düsseldorf von 1975 bis 1981 andauerte. Neben den Gerichtsprotokollen und deren sprachlichen Figuren und Tropen greift Hurth dabei auf Fotografien von Friedhelm Zingler zurück, insbesondere auf eine Reihe bemerkenswerter Bilder weiblicher Angeklagter, die sich in den Fluren des Landgerichts sichtlich bemühen, den Blicken von Anwesenden und Kameras durch aufgespannte Regenschirme zu entgehen.
Blaubeerkommando, 2025
Text auf Glas
Das Objekt enthält einen Text der Künstlerin von 2024, in dem sie ihre Erfahrungen und Beobachtungen während der langjährigen Recherche in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück sowie deren Umfeld in Fürstenberg/Havel reflektiert.
WEITERE KÜNSTLERINNEN / WERKE
Violette Lecoq (1912–2003)
Ravensbrück. 36 dessins à la plume (Ravensbrück. 36 Federzeichnungen), 1948
Serie aus 36 Federzeichnungen, Schwarzweiß, Reproduktionen
Courtesy: Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Fürstenberg/Havel
Violette Lecoq war Mitglied der Résistance, die in Frankreich Widerstand gegen das NS-Regime leistete. Von 1943 bis 1945 war sie im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert. Während dieser Zeit fertigte sie zahlreiche Zeichnungen an, die die Gewalt des Lageralltags dokumentieren, mit dem klaren Ziel, „Beweise für die Zeit nach dem Krieg zu sammeln“ (Lecoq). Nach dem Krieg studierte sie Grafik in Paris und übertrug ihre Erfahrungen aus Ravensbrück mithilfe ihrer dort geschaffenen Skizzen in eine Serie von 36 Federzeichnungen.
Ihre Zeichnungen wurden im Rahmen des Hamburger Ravensbrück-Prozesses in den Jahren 1946 und 1947 als wichtige Dokumente herangezogen.
Ceija Stojka (1933 in Kraubath an der Mur, Steiermark–2013 in Wien)
He, du, steh' auf! Wir sind nicht mehr in Auschwitz, o. J.
Mischtechnik auf Papier, 29,5 x 42 cm
Courtesy: Stiftung Kai Dikhas, Sammlung Kai Dikhas
Pinnz in Ravensbrück, Damals 1944, 2001
Acrylzeichnung, 35 x 30 cm
Courtesy: Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Fürstenberg/Havel
Auschwitz 1944. Ohne Worte, 2006
Tusche auf Karton, 50 x 37 cm
Courtesy: Stiftung Kai Dikhas, Sammlung Kai Dikhas
Sieg Heil! Ein Volk, ein Reich, ein Führer, 2010
Tusche auf Papier, 29,5 x 42 cm
Courtesy: Stiftung Kai Dikhas, Sammlung Kai Dikhas
Ceija Stojka war Musikerin, Dichterin und Malerin, die aus einer österreichischen Lovara-Gemeinschaft stammte. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland wurden viele Mitglieder ihrer Familie Opfer des Porrajmos, der Verfolgung und Ausrottung der Rom*nja durch das Nazi-Regime. Stojka war im Alter von zehn bis zwölf Jahren in den Konzentrationslagern Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen inhaftiert. Erst über vierzig Jahre später begann sie, ihre Erfahrungen der Vertreibung und der Lagerzeit in Büchern sowie zahlreichen Zeichnungen und Malereien auf eindrucksvolle und berührende Weise zu verarbeiten. Mit derselben Intensität widmete sie sich der politischen Arbeit für die Anerkennung des NS-Völkermordes an den Sintizze und Rom*nja.















