Alexander Kluge (1932–2026) im WKV, 2017
Ausstellungsansicht, Gärten der Kooperation, 2017
Ausstellungsansicht, Gärten der Kooperation, 2017
Ausstellungsansicht, Gärten der Kooperation, 2017
Ausstellungsansicht, Gärten der Kooperation, 2017
Ausstellungsansicht, Oper: Der Tempel der Ernsthaftigkeit, 2020

Dass die Toten tot sind, ist ein Irrtum

– Hans D. Christ, 27. März 2026

Alexander Kluge ist gestorben. Noch vor vier Wochen hatten wir telefoniert. Er war ganz außer sich über eine Welt, die erneut auf einen sich sukzessive etablierenden Weltkrieg zusteuert. Ein Pessimist war er in dem Gespräch trotzdem nicht, sondern er überlegte, was zu tun ist, um seinen Enkel*innen eine sichere Zukunft zu ermöglichen. Gleichzeitig konstatierten wir die auseinanderbrechende politische Weltordnung, wohl wissend, dass wir dabei immer nur eine Perspektive einnehmen können, die vieles ignoriert. Es wurde ein langes Gespräch, aber nicht mehr so lang wie im Vorfeld der Ausstellungen „Gärten der Kooperation“ (2017) und „Oper: Der Tempel der Ernsthaftigkeit“ (2020), als wir vier-, fünfstündige Telefonate führten. Es waren mäandernde, poetische, theoretische wie pragmatische Gespräche, die einen konkreten Gegenstand, die Ausstellungen, hatten, wobei jede zu frühe Entscheidung, durch die ein anderes mögliches Referenzsystem vielleicht versäumt worden wäre, kreiselnd wieder aufgehoben wurde. ‚Ausstellungen sind dreidimensionale Montagen in Konstellationen‘, sie sind ‚Prozess und Werkstatt zugleich‘, sagte er. Alexander Kluge war 84 Jahre alt, als er das Medium Ausstellung jenseits von Filmretrospektiven für sich entdeckte. Er meinte es genau so: Werkstatt, Prozess, Montage, Konstellation. An einem langen Tisch wurden Pläne gezeichnet, Inhalte und die Präsentation diskutiert, Textfragmente editiert und bis zur letzten Minute vor der Eröffnung Filme geschnitten.

Erstmals für das La Virreina Centre de la Imatge in Barcelona entwickelte er 2016 in enger Zusammenarbeit mit dem Kurator Valentin Roma das Format Ausstellung zu einer eigenen Form. Es war diese Ausstellung, die Iris Dressler und mir es erst denkbar machte, im Anschluss eine Einzelschau mit Alexander Kluge im Württembergischen Kunstverein zu planen. Vorher hatten wir im Rahmen anderer Projekte Filme oder das Recht angefragt, ob ein Schauspieler für eine Installation die Passage ‚Die Verhedderung‘ aus „Schlachtbeschreibung“ einsprechen könne. Seine Antwort war beide Male: Wenn ihr die DVD beziehungsweise das Buch habt, dann macht es doch einfach. Wissen vernutzt sich nicht. Es kann nicht besessen werden. Es durchläuft einen ständig quer zu den Grenzen der Disziplinen liegenden Prozess. Nicht jede*r kann alles. Nichts gibt es ohne ein Gegenüber. Der Tiefenraum der Geschichte reist immer durch uns hindurch in eine ungewisse Zukunft. In ihm sind die Bifurkationen angelegt, die den Konjunktiv ‚Es hätte auch anders kommen können‘ ständig lebendig halten. Jetzt ist Alexander Kluge gestorben, aber das Echo ‚hätte aber doch‘ aus „Der Kammersänger“ schwingt end- und zeitlos durch den Raum. Zu der Trauerfeier seines langjährigen Freundes Heiner Müller zitierte Alexander Kluge diesen selbst: ‚Dass die Toten tot sind, ist ein Irrtum.‘ So wird es auch in diesem Falle sein – Danke!

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