Wulf Herzogenrath 2023, Foto: Wolfgang Tillmans, Courtesy: Wulf Herzogenrath

Wulf Herzogenrath (1944–2026)

Der Württembergische Kunstverein (WKV) gedenkt Wulf Herzogenrath, der am 18. Juni 2026 in Berlin unerwartet verstorben ist. Er gehört zu den Kunstwissenschaftler*innen, Kurator*innen und Institutionsleiter*innen, die avancierte künstlerische Positionen nicht nur früh erkannt, sondern auch ermöglicht und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Seine beruflichen Anfänge sind eng mit dem WKV verwoben.

Herzogenrath, der die Entwicklungen und Diskurse des Modells Kunstverein entscheidend mitprägen sollte, wirkte von 1967 bis 1971 an der Ausstellung 50 Jahre Bauhaus des WKV mit – sein erstes großes Projekt. Er betreute den Katalog der Ausstellung sowie ihre Präsentationen an acht weiteren Orten weltweit, die der Eröffnung 1968 in Stuttgart folgten. „Immer drei Wochen vor Ort. Es war das beste Volontariat, das man sich vorstellen kann“, sagte er später über diese Zeit.

Die Ausstellung und ihr umfassender Katalog haben die Wahrnehmung und Rezeption des Bauhauses nachhaltig beeinflusst. Die berühmte Schule und ihre Protagonist*innen zählten seither neben der kinetischen und der Videokunst zu den zentralen Expertisen und Leidenschaften Herzogenraths. Unser eigenes frühes Interesse an der Videokunst wurde durch sein Engagement bestätigt – durch Ausstellungen wie Video Skulptur retrospektiv und aktuell 1989 in Köln, die er gemeinsam mit Edith Decker kuratiert hatte. Unvergesslich bleibt die interaktive Präsentation von zahlreichen neben- und hintereinander installierten Videoprojektionen, deren jeweilige Tonspuren über Kopfhörer empfangen werden konnten, sobald man die passende Sendefrequenz gefunden hatte. Statt strenger kuratorischer Vereinzelung von Werken gab es ein visuelles All-Over mit überraschenden Nachbarschaften – für manche damals ein Skandal.  

1977, knapp zehn Jahre nach der Eröffnung von 50 Jahre Bauhaus, veröffentlichte Herzogenrath im Katalog zum 150. Jubiläum des WKV einen erhellenden Beitrag zur Funktion von Kunstvereinen im 19. Jahrhundert. Für die damals, wie er schrieb, noch ausstehende „vergleichende Betrachtung zur Kunstvereinsbewegung“ liefert sein Text wichtige Ansätze – und die von ihm drei Jahre später mitgegründete Arbeitsgemeinschaft deutscher Kunstvereine (AdKV) das entsprechende Netzwerk.

1973 wurden Wulf Herzogenrath in Köln und Tillmann Osterwold in Stuttgart mit 28 beziehungsweise 29 Jahren zu den damals jüngsten Direktoren deutscher Kunstvereine berufen. Beide standen für innovative Programme, die verschiedene Richtungen einschlugen. Ihre geteilten Interessen und Haltungen lassen sich an einer Reihe von Kooperationen ablesen, die so unterschiedliche Künstler*innen wie László Moholy-Nagy (1973–1974), Adolf Wölfli und Alice Aycock (1982–1983), die thematische Schau Film als Film (1977–1978) sowie das Projekt Idee: Aktion St. Nicolaaskerk Brouwershaven (1975) umfassen. Sie spiegeln die Aufgeschlossenheit, Neugier und den Experimentiergeist wider, mit denen beide ihre Häuser leiteten. 

Herzogenraths Offenheit gegenüber konzeptuellen und institutionskritischen künstlerischen Ansätzen konnten wir Jahrzehnte später selbst erfahren, als er sich 2006 als Direktor der Kunsthalle Bremen mit einer Leihgabe an dem Projekt On Translation: Die Sammlung von Antoni Muntadas beteiligte. Dessen Werke hatte er bereits in der Video-Sektion der documenta 6 (1977) und später in Video Skulptur gezeigt.  

Das Projekt bestand darin, von einer Auswahl verschiedener Auflageobjekte jeweils möglichst viele Exemplare aus unterschiedlichen Sammlungen zusammenzutragen und sie mitsamt ihren Sockeln, Rahmen, Vitrinen, Beschilderungen etc. auszuleihen. So erhielten wir unter anderem vier Exemplare des Multiples Not Wanting to Say Anything about Marcel von John Cage samt „Zubehör“ und rekonstruierten ihre jeweils höchst unterschiedlichen Präsentationen an den verschiedenen Herkunftsstätten. Eines dieser Exemplare kam dank Herzogenrath aus Bremen; es war während seiner Direktion für die Kunsthalle erworben worden.

Unsere letzte Begegnung mit Wulf Herzogenrath führte zurück zur Ausstellung 50 Jahre Bauhaus, die wir 2018 einer kritischen Lesart unterzogen und dabei eine Reihe von Mythen, zu deren Entstehung sie maßgeblich beigetragen hatte, infrage stellten. Ein Fokus waren dabei die ambivalenten Beziehungen, die nicht wenige Bauhäusler*innen mit dem NS-Regime pflegten. Im Rahmen der Ausstellung luden wir Herzogenrath zu einem öffentlichen Gespräch über seine Erfahrungen mit dem Projekt von 1968 ein, das viele neue Einblicke ermöglichte. Dass er die Ausstellung und die Publikation 50 Jahre nach 50 Jahre Bauhaus trotz – und gerade wegen – ihrer Kritik an der 1968er-Schau schätzte, bezeugt einmal mehr jene intellektuelle Beweglichkeit und Neugier, die sein Wirken auszeichneten – Eigenschaften, die gerade heute besonders wertvoll sind.

Iris Dressler, Hans D. Christ

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