Du-Yul Song: Unhintergehbarkeit des Dritten

Vortrag, Mittwoch, 7. Januar 2009, 19 Uhr

Audiomitschnitt des Vortrages

song.mp3

13.7 M

Abstract

In einer dyadischen politischen Landschaft auf der koreanischen Halbinsel, auf der der Begriff „Grenzgänger“ noch zur Kategorie eines Schimpfwortes gehört, ist ein Leben als „Grenzgänger“ riskant. Hier muß es entweder einen Proto-Kapitalismus oder einen Proto-Sozialismus geben. Zwar könnte die Demarkationslinie (Waffenstillstandslinie) in der Mitte der Halbinsel Perspektiven zum Dritten öffnen, aber die dyadischen Formeln von Leben und Tod, Einschließen und Ausschließen bzw. Engel und Teufel sind unüberwindbar geblieben. Die Mischung oder der Bastard zwischen den zwei „Reinen“ ist demnach unvorstellbar.
Nach dem Fall der Mauer ist das dyadische Leitmodell aus der Zeit des Kalten Krieges oft in Frage gestellt worden. Entgegen dem verbreiteten „nach-geschichtlichen“ Optimismus melden sich die ausgetriebenen bösen Geister überall wieder. Katastrophen wie das Ereignis vom 11. 9. , der Irak-Krieg und die anhaltende globale Finanzkrise bedrohen den zügellosen Turbokapitalismus, der daraufhin seine vorübergehende Bereitschaft erklärt, die Perspektiven des teuflischen Anderen zu übernehmen. Jetzt ist sogar die Rede von der Verstaatlichung der Banken und Schlüsselindustrien. Die dyadischen Bausteine werden hier um den Dritten, den Post-Kapitalismus erhöht.
Die (Un)logik einer dyadischen Weltsicht besteht darin, dass sie ihrerseits das Dritte gewaltsam dazu zwingt, Farbe zu bekennen und in eine dyadische Ordnung so schnell wie möglich ´heimholen´ zu lassen. Angesichts einer solchen tragischen Unduldsamkeit sind viele Überschreitungen dyadischer Beziehungsformen unternommen worden: „Les parasites“(M. Serres), „The Third Space“ (H. Bahbah), „Ma (Zwischen)“ (Kimura, Bin), „Túm (Spalte)“ (Kim, Chi–Ha) sind einige Beispiele dafür.
Ohne Überschreitungs- und Unterminierungsakte des binär codierten Grenzregimes durch das Dritte wird auch der Horizont des „Post-Kapitalismus“ uns nicht geöffnet.

Kurzbiografie

Du-Yul Song ist Professor für Soziologie an der Universität Münster; geb. 1944 in Tokio. Bis zu seiner Einbürgerung in Deutschland (1993) war er südkoreanischer Staatsbürger. Studium der Philosophie, Soziologie und Wirtschaftsgeschichte in Seoul, Heidelberg und Frankfurt am Main; Promotion in Philosophie bei J. Habermas in Frankfurt (1972) und Habilitation in Soziologie in Münster (1982); Als prominenter Widerständler gegen die Militärdiktatur und auch Vermittler zwischen beiden verfeindeten Bruderstaaten folgte er im September 2003 nach 36 Exiljahren den offiziellen Einladungen der „Stiftung der Demokratie“ und des „koreanischen Philosophenverbandes“ in Südkorea, wo er aber aufgrund des Verstoßes gegen das „Nationale Sicherheitsgesetz“ inhaftiert wurde. Infolge weltweiter Proteste wurde er nach einem Berufungsurteil im Juli 2004 freigelassen.

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