Imogen Stidworthy. Dialogues with People

27. Oktober 2018 - 13. Januar 2019

Dummy, 1998
Balayer- A Map of Sweeping 2014/18
The Whisper Heard 2003
Sascha (Listening) 2011-12
A Crack in the Light, 2001
Closing / Close by, 2011
Speaking in the Voices of Different Gods, 2012/2018
ALEX 2001-2
Iris (a fragment), seit 2018

Programm
ca. 100’, Loop
Original mit deutschen Untertiteln

1. Dummy, 4’
2. Balayer. A Map of Sweeping, 21’
3. The Whisper Heard, 14’
4. Sacha (Listening I), 4:20’
5. A Crack in the Light. 10:33’
6. Sacha (Listening II), 2:30’
7. Closing \ Close By, 9:15’
8. Speaking in the Voices of Different Gods, 12’
9. Alex, 10:30’
10. Iris (a fragment), 14:46’

Courtesy: die Künstlerin und Matt’s Gallery, London

Werke in der Ausstellung

Dummy, 1998

Zwei-Kanal-HD-Videoinstallation mit Ton, übertragen von 16-mm-Film, 4’

Die Videoarbeit Dummy wurde in Brüssel mit einer französischsprachigen Bauchrednerin und ihrer Handpuppe nach einem Drehbuch der Künstlerin gefilmt. Im typischen Stil einer Bauchrednernummer liefern sich die beiden ein Wortgefecht, das um Kontrollgewinn kreist. Fragmente ihrer Körper und Stimmen sind auf beiden Seiten einer bis zum Boden reichenden Projektionsleinwand zu sehen, die man umrunden muss, um die Einzelteile zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Die eine Seite des Bildschirms zeigt ihre Körper in langen Kameraschwenks. Mann nimmt wahr, wie das Verhältnis zwischen Frau und Puppe zunehmend angespannter und zwiespältiger wird. Auf der anderen Seite des Screens ist der Mund der Frau über einen von ihrer Hand gehaltenen Taschenspiegel zu sehen. Bauchredner*innen trainieren ihre Technik traditionell mit einem Streichholz zwischen den Zähnen und beobachten dabei ihre Lippenbewegungen im Spiegel.

Unter Mitwirkung von
Bauchrednerin: Francine Lafranc; Kamera: Hein Liempd; Ton: Roel van der Maarden; Schnitt: Imogen Stidworthy; Technischer Redakteur: Marc Schmidt; Produktion: Sanny Overbeeke; Produzent für Filmstad: Gerhard Holthius
Im Auftrag von Filmstad, Den Haag 1998

Balayer. A Map of Sweeping (Eine Kartografie des Fegens), 2014 / 2018
Drei-Kanal-Videoinstallation mit Ambisonic-Sound, 21’

Die Videoinstallation verhandelt die Beziehungen zwischen sprechenden und nicht-sprechenden Menschen am Beispiel der kleinen Gemeinde Monoblet in den Cevennen (Frankreich). Jacques Lin und Gisèle Durand leben hier seit den späten 1960er-Jahren, heute mit Gilou Toche und Christoph Berton, zwei nicht-sprechenden Autisten. In diesem Zusammenleben setzt sich die visionäre Arbeit des französischen Sozialpsychologen Fernand Deligny (1913–1996) und seiner experimentellen Gemeinschaft aus Erwachsenen und autistischen Kindern fort, die von 1967 bis Mitte der 1980er-Jahre bestand.
Deligny wollte einen Raum für ein gemeinsames Leben mit jungen Autist*innen (und weniger für deren Betreuung) jenseits traditioneller Institutionen und Therapieansätze schaffen. Die Lebensumstände waren äußerst bescheiden. Die Kinder erledigten gemeinsam mit den Erwachsenen alle anfallenden Aufgaben und durchstreiften ansonsten die Landschaft. Eine tägliche Übung der Erwachsenen bestand darin, die Bewegungen der Kinder bei der Arbeit oder bei Wanderungen aufzuzeichnen. Diese Aufzeichnungen dienten nicht der Analyse oder Interpretation des Verhaltens der Kinder, sondern der eigenen Konzentration.
Deligny entwickelte seine Ideen im Austausch mit der Gruppe für die prinzipiell galt, dass man weder für den anderen spricht noch versucht, sich in dessen Lage zu versetzen. Er fragte beharrlich danach, welche Bedeutung Sprache in Beziehungen zu Menschen hat, die nicht sprechen – und wie man mithilfe von Sprache über das schreiben kann, was sich außerhalb von Sprache befindet. Letzteres schloss auch die Sprache des Visuellen – also Bilder – mit ein, derer sich die Gruppe, neben dem Erstellen von Karten und dem Zeichnen von „Wanderlinien“ durch Foto- und Filmaufnahmen bediente.
Nach Delignys Tod 1996 zerstreuten sich die Erwachsenen und die meisten Kinder in alle Richtungen. Nur Jacques Lin und Gisèle Durand blieben gemeinsam mit Janmari (dem ersten Kind der Gruppe, das 2005 starb), Christoph und Gilou vor Ort. Ihnen diente eine maison d’acceuil, eine staatlich unterstützte Einrichtung als Zuhause, in der noch vier weitere erwachsene Autist*innen (darunter Milika Boulainseur, die auch in Stidworthys Videoarbeit vorkommt) leben. Jacques Lin filmte weiter, allerdings auf ganz andere Weise als Deligny. In den Jahren 2000 bis 2008 dokumentierte er Gesten und Rhythmus des Alltagslebens in Form sehr persönlicher Videobeobachtungen, aus denen noch ein Film entstehen soll.

Die Installation verknüpft Ton- und Videoaufnahmen, die Stidworthy bei diversen Besuchen in Monoblet zwischen 2013 und 2014 aufgezeichnet hat, mit Lins Filmmaterial. Wir begegnen Janmari als Erwachsenem, außerdem Gilou und Christoph zu unterschiedlichen Zeitpunkten, die, je nachdem, ob es sich um Stidworthys oder Lins Aufnahmen handelt, bis zu vierzehn Jahre auseinanderliegen. Man könnte die beiden Perspektiven als die eines „Außenstehenden“ und eines „Insiders“ deuten – wogegen allerdings Jacques Lins Überzeugung spricht, dass er auch nach 50 Jahren Leben mit Autismus nicht sagen kann, was Autismus ist. Er ist ein Außenstehender geblieben.

Entstanden mit der Unterstützung und Beteiligung von Gisèle Durand, Jacques Lin, Christoph Berton, Gilou Toche und Malika Boulainseur; Englischer Sprecher: Dominique Hurth; Wissenschaftliche Beratung: Sandra Alvarez de Toledo; Ambisonic-Sound-Systems für die Installation: Stefan Kazassoglou; Video-Postproduktion: Martin Wallace

Die ursprüngliche Version dieses Werks war eine Auftragsarbeit für die Biennale von São Paulo 2014, die für die Ausstellung überarbeitet wurde.

The Whisper Heard, 2003
Zwei-Kanal-Videoinstallation, stereo, Parabolantenne, Parabollautsprecher, 14’

Protagonisten dieser Arbeit sind zwei Menschen auf der Schwelle zum Spracherwerb. Tony O’Donnell leidet nach einem Schlaganfall an Aphasie, einer Störung des für die Sprache zuständigen Gehirnareals. Severin Domela (damals drei Jahre alt) lernte seinerzeit gerade sprechen. In der Installation sieht oder hört man Passagen aus Kapitel 28 von Jules Vernes Roman Reise zum Mittelpunkt der Erde. Die Künstlerin hatte diese Passage beiden laut vorgelesen und O’Donnell und Severin gebeten, die Worte so gut wie möglich zu wiederholen.
In dem genannten Kapitel von Vernes Roman erwacht der Held aus einer Bewusstlosigkeit und stellt fest, dass er seine Begleiter verloren hat. Auf sich allein gestellt verliert er bald jeden Bezug zur Außenwelt und traut seinen Sinnen kaum mehr. Dann jedoch vernimmt er das ferne Echo der Stimme seines Onkels, das ihm hilft, sich wieder zurechtzufinden. Er macht sich auf in Richtung des Geräusches, stürzt dabei jedoch in ein Loch und wird erneut bewusstlos.
Keiner der beiden Darsteller von The Whisper Heard ist in der Lage zu lesen oder zu schreiben. Ihr Verhältnis zur Sprache beschränkt sich weitgehend auf die mündliche Ebene. Tony begreift das Erzählte zwar, ist jedoch kaum in der Lage, die einzelnen Wörter zu wiederholen. Er durchsucht das ihm zur Verfügung stehende Vokabular und artikuliert hörbar den beschwerlichen Prozess der internen Übersetzung zwischen Gedanken und Worten. Begleitet wird sein Ringen durch stetige und präzise Bewegungen seiner Hände. Severin kann die Worte, die er hört, mit der Leichtigkeit eines Kindes, das gerade Sprechen lernt, wiederholen, doch von vielen weiß er noch nicht, was sie bedeuten. Sein Verhältnis zu Worten changiert zwischen der Bedeutung produzierenden und klanglichen Dimension von Sprache. Bedingt durch ihren unterschiedlichen Zugang zu Sprache, erzählen ihrer beider Stimmen eine Geschichte, die ihr Ziel niemals erreichen wird.

Unter Mitwirkung von Severin Domela und Tony O’Donnell
Entstanden im Auftrag von Matt’s Gallery, London

Sacha (listening), 2011–2012
Videoinstallation
HD-Video mit Drei-Kanalton, präsentiert in zwei Teilen:
Sacha I: 4:20’; Sacha II: 2:30’

„Eigentlich kann man nicht sagen, dass man etwas hört. Es geht nicht nur ums Hören, denn man hört nicht nur Töne, sondern man hat dazu auch immer ein Bild. Ich weiß nicht, ob diese Bilder real sind, aber ich empfinde das so. Darum spreche ich von ‚Sehen‘ (seeing), denn für mich ist das mehr als hören.“
Sacha van Loo im Gespräch, 2009

Welche subjektiven und politischen Implikationen Stimme haben kann, offenbart der für die Antwerpener Polizei tätige Abhörspezialist Sacha van Loo. Blind geboren, nimmt er seine Umgebung vor allem anhand von Geräuschen wahr. Dank seines hochempfindlichen Gehörs verfügt er über ein außergewöhnliches Maß an Empfindsamkeit und Empathie. Er spricht sieben Sprachen fließend und kann Hunderte unterschiedliche Akzente und Dialekte erkennen. In seinem Beruf sind diese Fähigkeiten wichtiger Bestandteil des bürokratischen Prozesses zur Feststellung von Schuld oder Unschuld. Er hört private Gespräche und Telefongespräche ab, um das Gesagte zu entschlüsseln und hinter den Stimmen verborgene Intentionen zu identifizieren, und überschreitet damit die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum.
In Stidworthys Videoarbeit sieht man van Loo in die Analyse einer Sprachaufnahme vertieft. Sein stilles Gemurmel wird von dem artifiziellen Klang des Text-to-Speech-Programms kontrastiert, das die Namen der Ordner und Dateien vorliest, die van Loo am Computer auswählt. Den Zuschauer*innen wird der Inhalt des Gehörten nur in Form der von van Loo gemurmelten Textfragmente zugänglich. Es handelt sich um Passagen aus Alexander Solschenizyns Roman Der erste Kreis der Hölle, die ein Nicht-Muttersprachler auf Russisch vorliest. In dem Roman verarbeitet Solschenizyn seine Erfahrungen als Gefangener in einem sowjetischen Gefängnis, wo er an der Entwicklung stimmbasierter Überwachungstechnologien beteiligt war, die dazu dienen sollten, auf der Grundlage von Stimmanalysen Informationen zu sammeln, den Sprecher zu identifizieren und damit letztlich Macht über die Bürger*innen zu gewinnen.
Die verschiedenen Elemente der Installation lassen ein Spannungsfeld zwischen „forensischem Hören“ und den Dimensionen stimmlicher Äußerung entstehen, die nicht abgebildet werden (können).

Im Rahmen der Ausstellung wird das Werk in zwei Teilen präsentiert.

Unter Mitwirkung von Sacha van Loo; Sprachaufnahmen: Johan Vandermaelen; Kamera, Video- und Tonschnitt: Imogen Stidworthy

A Crack in the Light, 2013
Vier-Kanal-HD-Video- und -audioinstallation,10’33”

Die Videoarbeit A Crack in the Light, die auf Alexander Solschenizyns Roman Der erste Kreis der Hölle verweist, kreist um das Verhältnis zwischen Stimme, Hören und Überwachungstechnologien. Solschenizyns eigenen Erfahrungen mit Abhörtechnologien datierten aus der Zeit seiner Inhaftierung in Marfino, einem sowjetischen Spezialgefängnis in Moskau, wo er zwischen 1948 und 1950 zwangsweise an der Entwicklung der Vocoder-Technologie und anderer stimmbezogener Überwachungstechnologien beteiligt war.
In der Videoarbeit lesen Natalja Solschenizyna, die Witwe des Schriftstellers, und der Schauspieler Alexej Kolubkow Passagen aus dem Roman vor. In einem leeren Fotostudio in Moskau spielt Kolubkow dabei eine Szene aus der russischen TV-Adaption des Romans von 2006 nach. In der Originalszene spielte er die Figur des Lew Rubin, dessen reales Vorbild der russische Linguist Lew Kopelew war, der mit Solschenizyn in Marfino inhaftiert war. In A Crack in the Light führt er vor, wie die vom Vocoder aufgenommenen Stimmen von ihm und seinen Kolleg*innen für Stalins Generäle analysiert wurden.
In einer anderen Szene navigieren die Zuschauer*innen durch den 3D-Scan eines Brotstücks, das Solschenizyn 1974 von seiner letzten Mahlzeit in einem sowjetischen Gefängnis vor seiner Ausweisung in den Westen aufbewahrte.

Unter Mitwirkung von Alexej Kolubkow als Lew Rubin; Voiceover: Natalja Solschenizyna und Alexej Kolubkow; Kamera: Dina Schuk, Nicolaj Spesiwtsew; Assistenz: Nadia Degtyarewa, Nick Degtyarew; Assistent für Recherche: Nick Degtyarew; Post-Produktion: Stefan Kazassoglou; 3D-Laser-Scan: Cybercom, Moskau; 3D-Laser-Scan Navigation: Michael Gallagher, SEP Engineering UK ; Video, Tonaufnahmen, Tonschnitt: Imogen Stidworthy

Gefilmt an der Rodchenko School of Photography and Multimedia, Moskau

Auftragsarbeit für die Bergen Assembly 2013, Monday Begins on Saturday, Kurator*innen: Ekaterina Degot, David Riff

Closing \ Close By, 2000.

Zwei-Kanal-Videoinstallation mit Ton, 9:15’

Closing \ Close By zeigt einen Mann und eine Frau (den Künstler Michael Curran und Imogen Stidworthy selbst), die sich bei Streichholzlicht gegenseitig Filmsynopsen vorlesen. Das kurze Aufflackern der Flammen ermöglicht es ihnen, innerhalb eines sehr beschränkten Augenblicks einen Bruchteil des Textes vorzutragen. Die Streichhölzer dienen als einfachste Form von Filmtechnik, gleichsam als ihre Urform. Als mehr oder weniger zufallsbasiertes Schnitttool restrukturieren sie die Synopsen zu einer zerstückelten Meta-Erzählung.

Unter Mitwirkung von Michael Curran und Imogen Stidworthy; Produziert von Film and Video Umbrella für die Wanderausstellung Closing \ Close By (2000–2001) mit Unterstützung des National Touring Programme des Arts Council England

Speaking in the Voices of Different Gods, 2012/2018
Zwei-Kanal-Videoinstallation, stereo, 12’

Tapete, 400 x 280 cm; schamanistische koreanische Strohpuppe (eine Jae Eung aus dem 20. Jahrhundert), Schenkung von Yang Jongsung, Direktor des Museums für Schamanismus, Seoul, Südkorea

In dieser Installation kommen zwei ganz unterschiedliche Stimmen des koreanischen Schamanismus zu Wort: Eine Gimhae-Schamanin sowie die Schamanin Sun-deok.
Die Gimhae-Schamanin ist während einer Beschwörung für zwei Kund*innen zu sehen. Gimhae ist eine Stadt in der südkoreanischen Provinz Gyeongsangnam-do. Der Tradition folgend, hat die Schamanin bei ihrer Initiation ihren Namen aufgegeben. Sie führt ein mehr als bescheidenes Leben am Rande der koreanischen Gesellschaft. Hier erklärt sie, wie sie ihre Götter ruft und deren Stimmen verkörpert.
Die Schamanin Sun-deok arbeitet in Seoul für zahlreiche Privat- und Geschäftskund*innen. Teil der Installation ist der großformatige Abzug einer Fotografie, die sie 1988 bei einem rituellen Tanz auf dem Hauptcampus der Universität von Seoul zeigt. Als junge Schamanin versuchte sie damals mit diesem Tanz der Seele eines Studenten Frieden zu stiften. Er war bei Protesten der Demokratiebewegung, an denen sie selbst teilgenommen hatte, von der Polizei getötet worden. Angesichts der Masse von Polizist*innen und Student*innen war ihre Anspannung jedoch zu groß, und es gelang ihr nicht, Kontakt mit dem Geist des Getöteten aufzunehmen. Stidworthy lud sie ein, erstmals nach diesem traumatischen Erlebnis auf den Campus zurückzukehren. Bereits bei der Ankunft konnte Sun-deok vollkommen überraschend vor der Kamera Kontakt mit dem Geist aufnehmen. Im Film spricht sie unmittelbar zu ihm und entschuldigt sich für ihr vergangenes Scheitern. Eine kleine Studentendemo im Hintergrund erinnert sie an ihr früheres politisches Engagement und wie es eine Phase der Aphasie auslöste (traumatisch bedingter Verlust der Stimme) sowie an ihre persönliche Wiedergeburt als Schamanin.

Die Arbeit wurde für die Präsentation im Württembergischen Kunstverein neu inszeniert.

Unter Mitwirkung von Schamanin Sun-deok Jeong und der Gimhae-Schamanin (bürgerlicher Name Jayung Kim); Kamera: Stone Kim; Ton: Caroline Key; Grip: Junho Park; Koordination und Übersetzung: Dong-kyu Kim, Hyejin Kim, Inseon Kim; Kamera und Ton: Imogen Stidworthy; Übersetzung: Hyunmin Lee, Song-yi Son; Video- und Tonschnitt: Imogen Stidworthy; Tonmischung, Farbkorrektur: Stefan Kazassoglou; Übersetzung: Geunsu Lee; Dank an: Professor Seung-an Jung, Dr. Yang Jongsun; Yoo-jin Shin

Auftragsarbeit für die Busan Biennale 2012. Kurator Roger M. Bürgel

ALEX, 2001–2002
HD-Video mit Ton, 10:30’

Für die Videoarbeit Alex verfolgte Stidworthy mehrere Monate lang die osteopathische Behandlung eines Mannes mit einer psychosomatischen Sprachstörung. Aufgrund einer Verkrampfung des Kehlkopfes sind seine Stimmbänder dauerhaft in der Position eines stummen Urschreis erstarrt. Das Werk nimmt die Rollen und Beziehungen zwischen Arzt, Patient und Beobachter*in den Blick. Die intensive manuelle Therapie ruft starke emotionale Reaktionen und mentale Bilder bei dem Patienten hervor, und man hat den Eindruck, die Stimme würde buchstäblich aus oder in den Körper massiert. Dabei sind verschiedene Stimmen gleichzeitig am Werk: die medizinisch-technische Terminologie des Therapeuten, die subjektive Sprache des Patienten, der seine mentalen Bilder und seine emotionalen Empfindungen beschreibt, sowie der körperliche Ausdruck durch Gestik und Haltung, wie sie in dem Kunstwerk dargestellt werden.

Unter Mitwirkung von Jacob Lieberman und Alex

Iris (A Fragment), seit 2018 (work in progress)
Videoinstallation mit Ton, 14:46’

„Als ich zehn war, sah ich, dass eine Person etwas sagen konnte, das eine andere Person verstehen konnte, und dass diese Person etwas antworten konnte, das der andere verstand. Damit eröffnete sich mir eine neue Realität.“
Iris Johansson, Eine andere Kindheit

Das Video Iris (A Fragment) basiert auf Aufnahmen der schwedischen Therapeutin Iris Johansson, die einen Großteil ihrer Kindheit nicht über ein Ich-Bewusstsein verfügte, und mit der Stidworthy 2018 in Dahab, Ägypten, und Fagerstå, Schweden, arbeitete. Die Frage, wie verschiedene Formen des Seins auf unser Selbstverständnis, unsere Sprache und unsere sozialen Beziehungen wirken, sind von zentraler Bedeutung für Johansson. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr lebte sie in einem non-verbalen Raum, in dem ihr Geist losgelöst vom Körper existierte und den sie als „reale Welt“ oder „Außen“ bezeichnete. Ihr Vater – und später sie selbst – setzten sich dafür ein, dass sie durch die intensive Beobachtung und Nachahmung sozialen Verhaltens eine Verbindung zur „normalen Realität“ herstellen konnte. Als junge Frau ging Johansson sechs- oder siebenmal in der Woche ins Kino, um das Gesehene im Anschluss zu Hause vor dem Spiegel zu üben. Mit dreißig lernte sie zu schreiben, und inzwischen hat sie diverse Bücher geschrieben, darunter mit Eine andere Kindheit eine autobiografische Schilderung ihrer non-verbalen Kindheit
Johansson ist Autistin, und obwohl sie Sprechen und Schreiben gelernt hat, wird sie stets Autistin bleiben. Ein Teil von ihr, so schildert sie, ist noch immer im Bereich des Non-Verbalen.

Die Videoarbeit steht für sich allein und ist gleichzeitig Teil eines langfristigen Projekts, dass in den kommenden zwei Jahren fortgeführt werden soll.

Unter Mitwirkung von Iris Johansson, Anneli Lees (Tochter von Iris Johansson) und Ramy Nagy; Kamera: Emma Dalesman und Imogen Stidworthy; Ton und Schnitt: Imogen Stidworthy.

Mit Unterstützung der Lund Universität, Schweden, und der Liverpool John Moores University, Großbritannien

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