Lorenza Böttner. Requiem für die Norm

23. Februar - 5. Mai 2019
Eröffnung: Freitag, 22. Februar 2019, 19 Uhr


Ohne Titel, 1980, Radierung
Ohne Titel, 1980, Acryl auf Leinwand
Lorenza Böttner und Johannes Koch, ohne Titel, 1983, schwarz-weiß Fotografie
Ohne Titel, 1982, schwarz-weiß Fotografie
Face Art, 1983, schwarz-weiß Fotografie
Ohne Titel, 1982, schwarz-weiß Fotografie
Ohne Titel, 1985, Polaroid
Ohne Titel, 1985, Pastellfarbe auf Papier

Eine Ausstellung von
Württembergischer Kunstverein Stuttgart und
La Virreina Centre de la Imatge

Kurator
Paul B. Preciado

Einführung

Vom 23. Februar bis 5. Mai 2019 zeigt der Württembergische Kunstverein die erste umfassende Einzelausstellung der Künstlerin Lorenza Böttner (geb. 1959 in Punta Arenas, Chile, gest. 1994 in München). Die von dem Philosophen, Kurator und Transgenderaktivisten Paul B. Preciado kuratierte Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit La Virreina Centre de la Imatge in Barcelona, wo sie bis zum 3. Februar 2019 zu sehen ist. In Stuttgart wird sie in erweiterter Form und mit vielen zusätzlichen Arbeiten gezeigt.

Böttner, die mit Füßen und Mund malte und Fotografie, Zeichnung, Tanz, Installation und Performance als ästhetische Ausdrucksmittel verwendete, widersetzt sich in ihrem Werk den Prozessen der Entsubjektivierung und Entsexualisierung, dem Wegsperren und Unsichtbarmachen von funktional andersartigen und Transgenderkörpern.

Die Künstlerin wurde 1959 als Ernst Lorenz Böttner in eine deutsche, nach Chile emigrierte Familie geboren. Mit acht Jahren erlitt er einen schweren Unfall, durch den er beide Arme verlor. Seine Schulzeit und Jugend verbrachte er in Deutschland, wohin er nach dem Unfall mit seiner Mutter gezogen war. Dort wurde er zusammen mit den sogenannten Contergan-Kindern (deren Gliedmaßen sich durch die Nebenwirkungen des Wirkstoffs Thalidomid während der Schwangerschaft verändert ausgebildet hatten) in diversen Reha-Zentren untergebracht und als „behindert“ behandelt. Er lehnte es schließlich ab, Prothesen zu tragen, sich weiteren medizinischen Prozeduren zu unterziehen und den gesellschaftlichen Erwartungen an „Behinderten“ zu entsprechen. 1978 nahm er sein Studium an der Gesamthochschule Kassel (heute Kunsthochschule) auf und änderte während der Studienzeit seinen Namen in Lorenza Böttner. Sie erweiterte ihr zeichnerisches und malerisches Werk um Performances im öffentlichen Raum und führte dabei Tanz und Malerei zusammen. Eines der ersten großen Werke war ein überdimensionales Selbstporträt, das sich aus Fußabdrücken zusammensetzt. Ein weiterer Schwerpunkt ihres rund sechzehnjährigen künstlerischen Schaffens bildete das fotografische Selbstporträt, das sich durch eine konstant variierende Selbst-Fiktion auszeichnet. Im Zentrum der Werke Böttners steht die beständige Transformation, die von einem offensiven und dissidenten Umgang mit Körper und Geschlecht geprägt ist.

In den 1980er-Jahren beteiligte sich Böttner aktiv an dem Disabled Artists Network und beschäftigte sich mit der Repräsentationsgeschichte der Mund- und Fußmaler*innen. Diesem Thema sowie der kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte der Freakshows widmete sie ihre Abschlussarbeit in Kassel. Gegen Ende des Jahrzehnts und nach ihrer Zeit in New York zog sie nach Barcelona, wo sie Anschluss an die lokale Kunstszene fand. 1992 wurde sie zur lebenden Verkörperung von Petra, dem Maskottchen der paralympischen Spiele in Barcelona, das Javier Mariscal entworfen hatte. Nach zahlreichen Reisen durch Europa und Nordamerika, während derer  sie an ihrer Kunst weiterarbeitete, starb Lorenza Böttner 1994 an den Folgen einer AIDS-Erkrankung in München. Ihr Werk wurde jahrzehntelang von ihrer Mutter aufbewahrt.

Eine kleine Auswahl ihrer Arbeiten war 2017 auf der documenta 14 in Kassel zu sehen. Bei der Einzelausstellung in Stuttgart wird es sich um die bislang umfangreichste Präsentation ihrer Werke handeln. Neben Zeichnungen, Pastellen und Ölmalereien umfasst sie eine Reihe von Videos, die ihre Performances dokumentieren bzw. ihrer Person gewidmet sind.  Zugleich werden Materialien zu Böttners Leben sowie zu ihren Studien über Freakshows und einige historisch bedeutsame Künstler*innen mit physisch diversen Körpern wie Frida Kahlo, Thomas Schweitzer, Louis Steinkogler, Django Reinhardts oder Aimée Rapin aus dem privaten Archiv präsentiert.

Die Ausstellung zeugt von Böttners rigorosem und bedingungslosem Eintreten für die Sichtbarkeit von nicht normativen Körpern. Zugleich ist sie eine Reise in die ebenso bemerkenswerte wie einzigartige Welt einer Künstlerin, deren Bestimmung es zu sein scheint, zu einer Klassikerin des 20. Jahrhunderts zu avancieren: als unverzichtbarer Beitrag zur Kritik an der Normalisierung des Körpers und des sozialen Geschlechts.

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Lorenza Böttner. Requiem für die Norm
Württembergischer Kunstverein Stuttgart