Long Time No See

Ausstellung der Absolvent*innen der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart 2020
10. - 25. Oktober 2020

Eröffnung: Freitag, 9. Oktober 2020, 19 Uhr
Anmeldung erbeten unter: longtimenoseeremove-this@remove-thismail.de

Mit: Jan Nicola Angermann, Eunyoung Bae, Natalie Brehmer, Theo Dietz, Dominic Dorsch, Friedrich Hensen, Jonas Kienel, Juliana Nozomi, Julia Schäfer, Helen Weber.
Aus den Klassen von: Holger Bunk, Rainer Ganahl, Christian Jankowski, Udo Koch, Alexander Roob, Ricarda Roggan und Susanne Windelen.

Begleitend zur Ausstellung erscheint die Publikation Long time no see, gestaltet von Mark Hahn und Jan R. Obst.

Eintritt frei
Di, Do–So: 11-18 Uhr; Mi: 11-20 Uhr
Württembergischer Kunstverein Stuttgart
Schlossplatz 2
D-70173 Stuttgart

Juliana Nozomi, WTR // Water The Root // zu viel comfort // und von / A / nach / B /, 2020, Foto: Julia Schäfer
Theo Dietz, Golem, 2020, Foto: Daniel Kammerer
Jan Nicola Angermann, Triptych of Hope, 2020, Foto: Isabelle Pead
Helen Weber, Rambo, 2020, Foto: Julia Schäfer
Natalie Brehmer, a quiet place to build worlds, 2020, Foto: Julia Schäfer
Friedrich Hensen, Kausalnexus: Durchquerung von Sphären, 2013-2020, Foto: Julia Schäfer
Eunyoung Bae, Encore, 2020, Foto: Eunyoung Bae
Jonas Kienel, Aller Augen warten auf dich, 2020, Foto: Julia Schäfer
Dominic Dorsch, Ausstellungsansicht, 2020, Foto: Julia Schäfer
Julia Schäfer, Schmutz, 2020, Foto: Julia Schäfer

Prof. Susanne Windelen (Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart) über die Ausstellung

Es ist der selbstständigen Initiative unserer Absolvent*innen zu verdanken, dass sie nicht klein beigaben, sondern trotz der erschwerten Bedingungen durch die Pandemie für sich eine Ausstellung als Abschluss ihres Studiums einforderten, die unsere Akademieleitung ihnen in diesem Semester in dieser Form leider nicht einräumen konnte. Erstmals zeigt der Württembergische Kunstverein eine Absolvent*innenaustellung der ABK Stuttgart. Zehn Absolvent*innen der Kunst aus sieben Klassen zeigen in den Räumlichkeiten des Kunstgebäude Stuttgarts am Schlossplatz ihren Diplomarbeiten unterschiedlichste Positionen und künstlerische Ansätze.

Juliana Nozomi begreift das künstlerische Arbeiten als eine Art von Wissensaneignung, Suchen, Lernen und Erfahren. Sie will all das in ihren Raum einbringen. Das Bild USA, das sie als 5-Jährige malte hängt in dem Raum von Theo Dietz, als ob sie sich in seinen Schaffensprozess einfügte, während die Bilder aus der Diplomproduktion in einem anderen Raum ausgestellt sind und über den Weg des Studiums denken lassen. Das Diplom als die Schwelle des Rückblicks in die Kindheit, um nach dem Diplom den schwierigen, selbstbestimmten aber auch befreiten Weg als junge Künstlerin zu beschreiten.

Im Zentrum der Legende über das Golem steht wohl der Mensch mit seinem Wunsch gottgleich schöpferisch tätig zu werden und ein Wesen zu schaffen, das dem Menschen zum lebendigen Gegenüber wird. Deshalb hat es wohl auch in all den Geschichten, Filmen und künstlerischen Arbeiten alle positiven und negativen Eigenschaften erhalten, vom Helfer und Retter bis hin zu einem Helden, der auch dämonische Züge annimmt und sich der Kontrolle seines Schöpfers entzieht. Theo Dietz’ Golem hingegen ist keine zum Leben erweckte tote Materie, sondern ein mit unterschiedlichen Materialien angefüllter Raum, der im Moment des Betretens durch uns Besucher beseelt wird. Im Prozesshaften des Schaffens im Ausstellungsraum sieht Dietz eine Analogie zum Model der Akademie als einen Ort, wo Studierende immer wieder neu schöpfen und schaffen, konstruieren und dekonstruieren.

In Jan Nicola Angermanns Diplomarbeit geht es eher um eine Nachschöpfung. Er schuf das Werk Triptych of Hope, das Dan Graham in Stuttgart für den Übergang des Rosensteinparks in den Leibfriedschen Garten neu und verlegt es dabei aus dem Park in den virtuellen Raum. Ein Park ist ein öffentlicher Raum, aber was suggeriert ein öffentlicher Raum fragt Angermann. Kann das Internet heute durch seine freie Zugänglichkeit den öffentlichen Platz ersetzen? Er fragt sich, was mit einem Kunstwerk, passiert, wenn man es von einem Ort zu einem anderen bewegt? Kann die Erfahrung eines Kunstwerkes im virtuellen Raum die Erfahrung des Betrachters im physischen Raum ersetzen? Ergänzend: Kann die Dekonstruktion der Wirklichkeit und ihre Überführung ins Virtuelle unsere Wahrnehmungsmöglichkeiten erweitern? Ersetzen virtuelle Räume die Wirklichkeit oder bieten sie einfach weitere Wahrnehmungsmöglichkeiten und eine andere Realität?

Helen Webers Arbeit ist mit Rambo betitelt. Rambo ist ein zweiteiliger, 600kg schwerer, mit einer Motorsäge aus einem Holzstamm geschnittenes Löffelmonument. Anstatt moderne Hilfsmittel zu nutzen um die Skulptur in den Kunstverein zu bringen, organisierte Weber eine Gruppe von Kommiliton*innen und ihre Familie, die sisyphosgleich das Kunstobjekt mit primitiven Mitteln und ihrer Körperkraft zum Ausstellungsort schleppten. Eine Performance, die über 13 Stunden dauerte. Auf diese Weise bekommen wir eigentlich nur noch das Relikt einer Handlung zu sehen, nämlich den in der Tradition klassischer Bildhauerei entstandenen Löffel Rambo. Die eigentliche Arbeit als ein freiwilliger Prozess der Aneignung und Erfahrung hat sich in den Körpern der Schaffenden eingeprägt und erinnert an den Bau der Pyramiden, die wir heute nicht mehr betrachten können, ohne uns das unfreiwillige Leiden der Sklaven beim Bau vorzustellen. Zeitgleich dekonstruiert Weber mit Ironie unser Verhältnis zur „Romantik des Waldes“ und verwandelt die Manpower des gescheiterten Einzelgängers und Helden der 80ger Jahre Rambo in eine Gruppenaktion.

Auch in Natalie Brehmers Diplomarbeit, die mit a quiet place to buildt worlds betitelt ist, geht es um den Begriff des Waldes. Brehmer interessiert sich für die Stellen im Wald, an denen Licht und Schatten aufeinandertreffen. Für sie sind es nicht definierte Räume, die nur aus Licht und Schatten bestehen. In vorindustrieller Zeit war die Glasproduktion noch auf Energiequellen des Rohstoffes Holz angewiesen und so befanden sich Glashütten meist in der Nähe von Wäldern. In ihrem Kurztext beschreibt Natalie Brehmers das Stellen oder Anlehnen ihrer Glasobjekte an die Wand als eine temporäre Handlung oder Aktion, die von den räumlichen Gegebenheiten des Ausstellungsortes an sie herangetragen wird. Sie sieht diese Handlung als ihrer Arbeit zugehörig.

Friedrich Hensen versteht sich als Multimedia- und Performance Künstler, als Multiinstrumentalist und als Poet. Er tritt sowohl alleine als Musiker und Performancekünstler als auch mit wechselnden Bands auf und mischt in der Stuttgarter Jam-Szene mit. Es scheint an seinen vielfältigen musischen Begabungen und Interessen zu liegen, dass sein Thema zum Durchqueren von Sphären wurde. Sein interdisziplinäres Arbeiten ermöglicht ihm das Betreten und Durchgleiten vieler Räume, und das Hinterlassen und Entfernen von Spuren dabei. Diese technischen Möglichkeiten schaffen Verknüpfungen von installativen Szenen, in denen sich malerische Elemente mit bewegten Bild und Sound verbinden.

Hätte Eunyoung Bae durch Zufall während des Lockdowns in Stuttgart einige Proben für einen Musikauftritt von Friedrich Hensen gehört, dann wäre alles vielleicht ganz anders gelaufen. Sie schreibt: Während der Lockdown-Zeit hat jemand für mehrere Wochen in meinem Wohnort jeden Tag zur gleichen Zeit Musik gespielt. In dem Projekt Encore geht es um die Suche nach dieser Person. Es ist wohl eher Sehnsucht, als Neugierde, die Eunyoung Bae veranlasste, sich auf die Suche nach der musizierenden Person zu begeben. Sie verteilte Suchanzeigen auf Bäume und Litfaßsäulen in ihrem Wohnviertel und lud ein bei sich im Vorgarten eine eigens gebaute Bühne für ein Wochenendkonzert zu benutzen. Die Suche führte zu vielen Gesprächen, die Bühne wurde bespielt, neue Begegnungen und Geschichten sind entstanden. In der Ausstellung im Kunstverein spinnt Eunyoung Bae den Erinnerungsfaden weiter und verknüpft ihre Bühne mit Objekten und Materialien, die an den fragilen Moment des Augenblickes denken lassen. Und die Sehnsucht nach der Person, die während des Lockdowns täglich musizierte wurde zum Auslöser für eine poetische, installative Arbeit mit Bühne.

Jonas Kienel, so scheint es, führt ein Doppelleben, denn einerseits hält er eine Schafherde in Aichwald auf der anderen Seite schlägt sein Herz für die Kunst. Sein künstlerischer Ansatz ist wohl die Untrennbarkeit von Kunst und Leben, das Sprechen wird zur Poesie, die auf Jutesäcken gedruckt wieder zu Transportsäcken für das Winterfutter der Schafe werden könnten. Alles ist in einen großen Kreislauf, geht mit ihm auf Wanderschaft, ist in Bewegung.

Weggefährten nennt Dominic Dorsch seine Diplomarbeit. Er begleitet als Weggefährte seinen Vater, dessen Bewegungsradius seit seiner Parkinson- und Demenzerkrankung immer kleiner geworden ist. Heute beschränkt er sich auf sein 15qm großes Zimmer und auf sein Bett, das mit allen notwendigen Pflegehilfen ausgerüstet ist. Wenn man als Sohn dem Vater pflegend und beobachtend zur Seite steht, verkehren sich alte Rollen und - war es früher der Vater, der als Retter zur Seite stand, so ist es jetzt der Sohn. Die Beschäftigung mit Alter, Krankheit und Tod hat in der Kunst eine lange Tradition. Für Dominic Dorsch waren es besonders die Zeichnungen und Bilder von Käthe Kollwitz im Vorgriff auf den frühen Soldatentod ihres Sohnes Peter und Ferdinand Hodlers Portraits seiner Geliebten Valentine Godé-Darel, die Hodler bis zu ihrem frühen Tod mit dem Zeichenstift begleitete.

So wie Dorsch jedes seiner Gemälde als Einzelarbeit zu einem Themenfeld sieht, betrachtet auch Julia Schäfers ihre 5 Werke des Diploms als autonome und für sich stehende Arbeiten, die hier in der Ausstellung zu einer geschlossenen Installation zusammengestellt sind. Dadurch werden Kontexte und inhaltlichen Bezüge zwischen den Arbeiten lesbar und lassen einzelne Aspekte ihrer künstlerischen Recherche deutlicher hervortreten. Es ist der Blick des Mannes auf die Frau, der sich in Literatur, Film, Kunst, Werbung und Foren des Internets finden lässt. Der Blick von Männern, die Frauen nicht emanzipiert entgegentreten können, sie überhöhen oder erniedrigen, sie vergöttern oder verteufeln, ihre Liebe und Erotik suchen und zugleich fürchten, um sie im Verborgenen des Netzes zu negativen Energien zu verkehren.

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