Tilman Osterwold (1943–2021)

Der Württembergische Kunstverein trauert um Tilman Osterwold, der vor einigen Tagen unerwartet gestorben ist. Der 1943 in Hamburg geborene Kunsthistoriker war von 1973 bis 1993 Direktor des Kunstvereins und hat dessen Geschichte und Gegenwart nachhaltig geprägt. Osterwold hat immer wieder die politischen und gesellschaftlichen Kontexte der Kunst in den Vordergrund gerückt und sie in einem bereiten kulturwissenschaftlichen Rahmen verhandelt.

Er zeigte früh Ausstellungen zur NS-Kunst (1975), widmete sich der Kunst im Knast (1974), dem politischen Plakat (1975), dem zwiespältigen Verhältnis zwischen Mensch und Natur (1977) oder der Geschichte und Gegenwart der Wohnungslosigkeit (1982). Im Katalog zur umfassenden Ausstellung über die politische Lithografie der Pariser Kommune (1976) veröffentlichte er aus Solidarität mit dem Kommunisten Gerhard Schneider ein gerichtliches Verfahren gegen diesen, der öffentlich einen tödlichen Polizeieinsatz angeprangert hatte und dafür bestraft werden sollte.

Neben den Beziehungen zwischen politischen und ästhetischen Praktiken interessierte Osterwold die Populärkultur und Grenzbereiche der Kunst. Er untersuchte die Kulturgeschichte des Schaufensters (1974) ebenso, wie das Phänomen der Fototapete (1975), Szenen der Volkskunst (1981) oder die Jugendästhetik des 20. Jahrhunderts (1986) und setzte sich mehrfach mit der Sammlung Prinzhorn und ihrer sogenannten Outsiderkunst auseinander. 1979 reinszenierte er mit Ute Eskildsen eine der legendärsten frühen Fotoausstellungen, Film und Foto, die 1929 in Stuttgart stattgefunden hatte. Mit Einzelausstellungen von Künstler*innen wie Panamarenko (1973), Ferdinand Kriwet (1975), Reinhard Mucha (1985), Dennis Oppenheim (1979), Alica Aycock (1983), Astrid Klein (1984), Clegg & Guttman (1988), Tim Rollins + K.O.S. (1990), General Idea oder Elaine Sturtevant (1992) öffnete er das Haus für die verschiedenen zeitgenössischen Ansätze und Methoden in der Kunst. In seiner Arbeit für den Kunstverein war er stets offen für lokale, deutschlandweite und internationale Kooperationen.

Tilman Osterwolds Profilierung des Württembergischen Kunstvereins sowie seine Haltung sind bis Heute von großer Bedeutung für uns. Unser tiefes Mitgefühl gilt den Angehörigen denen wir viel Kraft wünschen.

Hans D. Christ und Iris Dressler, 1. Juli 2021
Direktor*innen des Württembergischen Kunstvereins

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