Tableau: Bezähmung der Wildheit durch die Schönheit

- Gestaltung: Till Gathmann
TEXTE (Auswahl)
1770–1794
Hohe Karlsschule (auch Carlsschule)
Schloss Solitude, später Schlossplatz
Die Militär-, Kunst- und Handelsakademie entsteht 1770 auf Schloss Solitude zunächst als Schule, in der verwaiste Soldatenkinder zu Gärtnern und Stuckateuren ausgebildet werden. Als „Militärische Pflanzschule“ verlagert sie ihre Aufgabe von der reinen Fürsorge auf die Auslese von Begabten, die meist vom Herzog selbst vorgenommen wird. Ab 1771 werden Cavaliers- und Offizierssöhne aufgenommen, die zu künftigen Ministerial-, Hof- und Kriegsdiensten ausgebildet werden sollen. Mit dem Jahr 1773 bekommt der Kunstunterricht einen eigenen Stellenwert. Ziel ist die Qualifizierung heimischer Künstler für fürstliche Projekte. Ende 1775 zieht die Akademie an den Schlossplatz und bezieht die Kaserne hinter dem Neuen Schloss. Sie wird 1782 zur Universität und ersten Hochschule, die Militär-, Kunst- und Handelsakademie vereint und Studierende aus dem In- und Ausland (darunter Friedrich Schiller) anzieht. 1794 wird die für ihre rigide und restriktive Ausbildung berüchtigte Schule geschlossen. Dies brachte „einen gravierenden Einschnitt im Leben der bis dahin an den Hof und dessen Aufträge gebundenen Künstler“ mit sich und „bewirkte, dass sich die nun ‚brotlos‘ gewordenen Künstler am aufstrebenden Bürgertum orientieren“ mussten. (aus: Baden und Württemberg im Zeitalter Napoleons, Ausst.-Kat., 1987. Bd. 1.2, S. 585)
1776–1829
Christiane Luise (Louise) Duttenhofer
(*1776 in Waiblingen; † 1829 in Stuttgart)
Luise Duttenhofer gehörte mit ihrem Mann, dem Kupferstecher Christian Duttenhofer, der an dem Gründungsprozess des WKV beteiligt war, zum gehobenen Stuttgarter Bürgertum und war häufiger Gast der verschiedenen Salons. Sie wollte Malerin werden, doch ihre Familie verwehrte ihr eine entsprechende Ausbildung. Stattdessen griff sie zur Schere. In ihren Scherenschnitten kommentiert sie mit Kritik, Satire und Ironie die Eitelkeiten ihrer Zeitgenoss*innen sowie ihre eigene Rolle in der Gesellschaft.
1787–1803
Das württembergische Kapregiment der Niederländischen Ostindien-Kompanie
Herzog Carl Eugen von Württemberg (1728–1793), auf den unter anderem die Hohe Karlsschule zurückgeht, vermietete, um seinen teuren Lebensstil zu finanzieren, ab 1787 rund 3.200 württembergische Soldaten an die Niederländische Ostindien-Kompanie (VOC, 1602–1798). Das sogenannte Kapregiment hatte die Aufgabe, die Stützpunkte des kolonialistischen Handelsunternehmens in Kapstadt und am Kap der Guten Hoffnung zu schützen: zum einen vor den Aufständen der indigenen Bevölkerung, zum anderen vor Angriffen durch die konkurrierende Kolonialmacht Großbritannien. Ab 1791 wurde das Regiment nach Sri Lanka (damals Ceylon) und Jakarta (damals Batavia), zwei ebenfalls gewaltsam angeeignete Standorte der VOC, versetzt. Das Kapregiment bestand bis 1803 und brachte für drei weitere Herzöge, einschließlich des späteren ersten Königs von Württemberg, regelmäßige Einkünfte. Friedrich füllte damit vor allem seine Kriegskasse, während Carl Eugen sie als private Einnahmen verbuchte. So wurde nicht zuletzt die Hohe Karlsschule, aus der zahlreiche Künstler*innen hervorgingen, die, wie Johann Heinrich Dannecker oder Eberhard von Wächter, später dem WKV verbunden waren, durch ein Kolonialunternehmen finanziert.
1788–1819
Xaver Hohenleiter
Der Künstler Johann Baptist Pflug (1785–1866), der mehrfach im WKV ausstellte, widmet sich in seinen Werken unter anderem dem Sujet des „Räubers“ bzw. der „Räuber*innenbanden“. Er erhält in diesem Zuge die Erlaubnis, Gefängnisinsass*innen zu porträtieren und kommt dabei u.a. in Kontakt mit Xaver Hohenleiter, genannt der „Schwarze Veri“ (1788–1819). Der in Armut aufgewachsene Hohenleiter gerät in Süddeutschland zum Inbegriff des Delinquenten. Er wird zu Unrecht des Mordes angeklagt und stirbt durch Blitzschlag in einem Gefängnisturm. Gustav Schwab widmet seinem dramatischen Tod ein Gedicht. Pflug nimmt in seinen Genrebildern mehrfach Bezug auf ihn und trägt damit zur Legendenbildung bei. Es scheint, dass sowohl die Ängste als auch, wie in den romantisierenden und stereotypisierenden Bildern Pflugs, die Sehnsüchte der bürgerlichen Gesellschaft nach Freiheit und Ungebundenheit auf Hohenleiter projiziert werden.
1804
Stigmatisierung und Sanktionierung des „frechen Herumschweifens so vielen liederlichen Gesindels“
Zu Beginn des 19. Jahrhundert wird im Königreich Württemberg ein spezielles Passwesen eingeführt, um marginalisierte Gruppen wie Sinti*zze und Rom*nja, Wanderarbeiter*innen, Bettler*innen, Arbeits- oder Wohnungslose auszugrenzen. Personen, die keinen Pass erhielten oder bei sich trugen, wurden des Landes verwiesen bzw. gar nicht erst ins Land gelassen. Wurde ein angegebener Beruf als nicht ausreichend für das Auskommen betrachtet, half den Betroffenen auch der Pass nichts. Edikte gegen das „freche Herumschweifen“ wurden veröffentlicht und „Jauner-Listen“ erstellt.
1807
„Polizei-Verordnung gegen Vaganten und andere der öffentlichen Sicherheit gefährliche Personen“
1827
Gründungsmitglied des WKV
Oberregierungsrat des Oberpolizeidepartements Karl Eberhard Wächter,
seit 1806 von
(*1758 in Vaihingen an der Enz; † 1829 in Stuttgart)
Nach einem Jurastudium an der Hohen Karlsschule trat Karl Eberhard Wächter als Regierungssekretär in die Dienste Herzog Carl Eugens und wurde 1794 zum Mitglied des Geheimen Rates ernannt. Mit der Annahme der Königswürde durch Herzog und Kurfürst Friedrich und der Zusammenfassung der Gebiete Alt- und Neuwürttembergs kam es 1806 zu einer Neuordnung der Regierung. In diesem Zuge schaffte es Wächter bis zum Oberregierungsrat des Oberpolizeidepartements. Am 11. September 1807 erließ er in dieser Funktion die „Polizei-Verordnung gegen Vaganten und andere der öffentlichen Sicherheit gefährliche Personen“. 20 Jahre später gründete er mit anderen prominenten Bürgern der Stadt den WKV.
1807
Polizeigewalt und Racial Profiling
„1807 [wird] als erste Landespolizei ein 200 Mann starkes Landreuter-Corps aufgestellt. Zunächst zuständig für die ‚Vaganten und Gauner‘, wird es 1811 zur Königlichen Gendarmerie, einer Art Landes-Sicherheitspolizei, ausgebaut. Verteilt über das ganze Land sollen die Gendarmen ‚alle Straßen und Nebenwege … durchstreifen, auf alles, was der öffentlichen Sicherheit nachteilig sein könnte, ihr Augenmerk richten, … alle Bettler, Vaganten und andere verdächtige Leute, welche sie antreffen, anhalten und an die verordnete Amtsbehörde überliefern …‘“ (aus: Baden und Württemberg im Zeitalter Napoleons, Ausst.-Kat., 1987. Bd. 1.2, S. 999)
1812
Das Festinjagen (Dianenfest)
Am 9. November 1812 veranstaltete König Friedrich von Württemberg aus Anlass seines Geburtstags ein prunkvolles Jagdfest, bei dem 823 Tiere und ein Förster zu Tode kamen. Das Fest war bereits Jahre zuvor geplant worden. Über 10.000 Personen aus dem ganzen Land wurden zur Jagdfron verpflichtet. Sie mussten das Wild zusammentreiben und die Infrastrukturen für die Jagd herrichten. Um sich große Wildbestände zu sichern, hatte Friedrich ein mehrjähriges Jagdverbot erlassen. Die aufwändige Festarchitektur wurde von Hofbaumeister Nikolaus Friedrich Thouret entworfen. Das Fest erzeugte großen Unmut in der Bevölkerung. Während der Hofmaler Johann Baptist Seele es in seinem Gemälde als Triumpf des Menschen gegen das Tier feiert, übt Luise Duttenhofer in ihrem Scherenschnitt scharfe Kritik an der Ausbeutung der Bauern, die damit einherging.
1814
"Bezähmung der Wildheit durch die Schönheit."
So lautete der Kommentar von Johann Heinrich Dannecker und Gottlob Heinrich Rapp zu Danneckers Werk Ariadne auf dem Panther von 1814. Der Künstler hatte es im Jahr 1803 ohne Auftrag des Herzogs Carl Eugen begonnen, was außerordentlich war, denn er hatte sich dem herzoglichen Dienst 1776 auf Lebenszeit verpflichtet. Zudem bat er ihn, das Werk frei verkaufen zu dürfen. So wurde es 1810, noch unvollendet, vom Frankfurter Bankier Simon Moritz von Bethmann erstanden.
1929
Kongress der Vagabunden
Zu Pfingsten 1929 fand auf dem Stuttgarter Killesberg, ganz in der Nähe der zwei Jahre zuvor errichteten Weißenhofsiedlung, die das damals neue Wohnen repräsentierte, der erste internationale Kongress der Vagabunden (Selbstbezeichnung) statt. Aufgerufen zu dieser politischen Zusammenkunft hatte Gregor Gog, Gründer der „Bruderschaft der Vagabunden“. Zielgruppe waren Personen, die aus höchst unterschiedlichen Gründen freiwillig oder unfreiwillig auf der Straße lebten, die aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen wurden oder sich dieser bewusst entzogen. Gog und seine Mitstreiter*innen forderten, jegliche Lohnarbeit zu verweigern und die Straße der Fabrik vorzuziehen, um sich effektiv gegen das ausbeuterische System des Kapitalismus zur Wehr zu setzen und es zu Fall zu bringen. „Generalstreik ein Leben lang!“, so die Devise des Treffens. 1982 konzipierte Michael Haerdter für das Künstlerhaus Bethanien in Berlin die Ausstellung Wohnsitz: Nirgendwo. Vom Leben und vom Überleben auf der Straße, die sich mit Wohnungslosigkeit in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert beschäftigte. Der Stuttgarter Kongress wurden darin ausführlich behandelt. Nach Berlin wanderte die Ausstellung u.a. in den WKV.
2015
Die Bestie und der Souverän
Katalog einer Ausstellung des WKV und Museu d’Art Contemporani de Barcelona (MACBA), die an beiden Orten stattfand. Im MACBA, wo die Ausstellung zuerst zu sehen war, wurde eine Skulptur von Ines Doujak zensiert, weil sie den ehemaligen spanischen König, dem sie ähnelt, angeblich verunglimpft. Nach starken öffentlichen Protesten wurde die Skulptur schließlich gezeigt. Die damals im MACBA verantwortlichen Kurator*innen, Valentín Roma und Paul B. Preciado, wurden jedoch gefeuert. Im WKV fand dazu eine öffentliche Veranstaltung statt, u.a. mit dem späteren Vorsitzenden des WKV, Martin Fritz (2018–2022). Eine der größten Krisen des MACBA wurde dort bis heute nicht öffentlich aufgearbeitet.
