Tabelau: Spiegelverhältnisse und Kontinuitäten

Gestaltung: Till Gathmann

TEXTE (Auswahl)

1875–1955
Theodor Gustav Wanner
(*1875 in Stuttgart; † 1955 ebenda)
Der Unternehmer Theodor Wanner war ab 1902 aktiv an der Entwicklung des von Karl von Linden zwanzig Jahre zuvor gegründeten Württembergischen Vereins für Handelsgeographie beteiligt; von 1928 bis 1953 schließlich als dessen Vorsitzender. Der Verein war Initiator und Träger des Linden-Museums. 1917 gründete Wanner zudem das Deutsche Ausland-Institut (heute Institut für Auslandsbeziehungen) „zur Kunde des Auslandsdeutschtums.“ Beide Stuttgarter Institutionen gehörten dem Verein an, der eigens zur Durchführung der Kolonialausstellung von 1928 gegründet worden war. Wanner selbst konzipierte die Ausstellung gemeinsam mit Carl Hagstotz, Direktor des Stuttgarter Handelshofs. Wanner zählt zu jenem Personenkreis, der sich in den 1920er Jahren massiv für die Wiederaufnahme kolonialer Aktivitäten seitens der deutschen Politik und Privatwirtschaft einsetzte.

1882
Württembergischer Verein für Handelsgeographie und Förderung deutscher Interessen im Ausland

Sitz des Vereins für Handelsgeographie war zunächst die Gewerbehalle Stuttgart, in der sich bis 1911 auch dessen Sammlung ethnologischer Objekte befand. Als die Räume in der Gewerbehalle nicht mehr ausreichten, gab es Überlegungen, ein eigenes Haus auf der damaligen Brache des abgebrannten Hoftheaters am Schloßplatz zu errichten. Schließlich erhielt die Sammlung 1911 unter dem Namen Linden-Museum ihr neues Domizil am Hegelplatz. Am Schloßplatz wurde zwei Jahre später das Kunstgebäude eröffnet. Mitglied im Hauptausschuss der Grossen Kunstausstellung, die zu diesem Anlass gezeigt wurde, war Theodor Wanner, die treibende Kraft hinter dem Linden-Museum und der Kolonialausstellung von 1928. Die Sammlung des Linden-Museums ist heute wegen ihrer Verschränkungen mit dem deutschen Kolonialismus Gegenstand von kritischer Forschung und Restitutionsforderungen.

1905–1950er-Jahre
Verein Württembergischer Kunstfreunde
1905 gründete Theodor Wanner mit anderen den Verein Württembergischer Kunstfreunde (VWK), der noch im selben Jahr mit dem Bau eines Ateliergebäudes Im Schellenkönig begann. 1937 waren, wie auch im WKV, viele jüdische Mitglieder des VWK im Zuge der Gleichschaltung von Kunstverbänden an das NS-Regime ausgetreten: aus Protest gegen die allzu schnelle Anpassung der Vereine an das Regime und gezwungenermaßen. Der so geschrumpfte VWK, so heißt es in den Verwaltungsratsprotokollen des WKV, lief Gefahr, durch die Reichskammer der bildenden Künste enteignet zu werden. Um dies zu verhindern, wurde entschieden, ihn in den WKV einzugliedern. Eine Schenkungsurkunde von 1938 legte fest, dass der Besitz des VWK unter Einbeziehung eines vormaligen Vorstandsmitglieds desselben vom WKV treuhänderisch verwaltet wird und das Ateliergebäude bestehen bleibt. Mieter*innen des Ateliergebäudes waren damals u.a. die Künstler*innen Gustav Adolf Bredow, Olga und Arnold Waldschmidt. Bredow hatte 1911 die rassistischen Bauplastiken am Portal des Linden-Museums geschaffen. Der Hitler- und Himmler-Vertraute Arnold Waldschmidt war zu diesem Zeitpunkt Landesleiter der Reichskammer der Bildenden Künste Stuttgart. Er und Bredow wurden in Hitlers „Gottbegnadeten-Liste“ aufgenommen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten Bredow und Wanner den VWK neu und forderten seine Rechtsnachfolge. Ihr Ziel war es, das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Ateliergebäude wieder aufzubauen. Ihrer Forderung wurde vor Gericht nicht stattgegeben und das Vermögen des alten VWK schließlich dem WKV zugesprochen. Dieser baute Ende der 1960er Jahre schließlich ein neues Ateliergebäudes, das er bis heute betreibt. Im Zuge der Forschungen zum 200-jährigen Jubiläum des WKV sollen die komplexen Sachverhalte zum Ateliergebäude Im Schellenkönig aufgearbeitet werden.

1924
Der kurze Stuttgarter Kunstsommer: Die Ausstellung Neue Deutsche Kunst im Kunstgebäude

Veranstalter: Verein Württembergischer Kunstfreunde, WKV, Stuttgarter Galerienverein
1924 wurde in Stuttgart der Kunstsommer ausgerufen. Einer der Höhepunkte war die vom damaligen Leiter der Staatlichen Gemäldesammlung Otto Fischer kuratierte Ausstellung Neue Deutsche Kunst, die in einer Kooperation zwischen WKV, dem Verein Württembergischer Kunstfreunde und dem Stuttgarter Galerieverein zustande kam. Im Fokus standen Werke von Expressionisten wie Emil Nolde, Erich Heckel, Max Pechstein, Ernst Ludwig Kirchner oder Carl Hofer. Erhofft wurde sich ein „wesenhafter Anfang einer Erneuerung“ für die Kunst in Stuttgart. Während die Ausstellung in der Kunstszene begeistert aufgenommen wurde, hagelte es aus anderen Kreisen vernichtende Kritik, insbesondere seitens der konfessionellen Frauenbünde, Studierenden und des NS-Kampfblattes Völkische Wacht. Letzteres verwendete dabei bereits den Begriff „entartet“. Der Kunsthistoriker Bruno Bushart schrieb dazu 1962: „Die Erneuerung des künstlerischen Lebens hatte den ‚wesenhaften Anfang‘ nicht überstanden … Den Rest besorgten die ‚Hüter der völkischen Kunst‘, die sich 1924 schon angekündigt hatten …Stuttgart hatte wieder seine Ruhe vor der modernen Kunst und durfte nach dem tödlichen Winter der Konsequenzen 1945 wieder dort beginnen, wo es 20 Jahre zuvor versagt hatte.“ (aus: Bruno Bushart, „Kurzer Stuttgart Kunstsommer“, in: Die Zwanziger Jahre in Stuttgart, S. 35, o.J. [1962])

1924
Oberbürgermeister Karl Lautenschlager zur Eröffnung der Ausstellung Neue Deutsche Kunst im Kunstgebäude

„Das Kunstgebäude soll werden Jahr um Jahr die Stätte, in der künstlerische Kultur sich auftut vor den Augen und im Herzen aller, die Sehnsucht nach Schönem und Edlem haben … Mögen alle Hoffnungen und Wünsche, die sich an die Erneuerung des künstlerischen Lebens in Stuttgart und damit auch an die Lebensbedingungen unserer Künstler jetzt und in Zukunft knüpfen, in reichem Maß in Erfüllung gehen, zum Segen unseres geliebten Vaterlandes.“
(aus: Bruno Bushart, „Kurzer Stuttgart Kunstsommer“, in: Die Zwanziger Jahre in Stuttgart, S. 29, o.J. [1962])

1927
Die Wohnung
1928
Kolonialausstellung

1927 veranstaltete der Werkbund das Projekt Die Wohnung in Stuttgart. Insbesondere die dabei gebaute Weißenhofsiedlung erlangte weitreichende Beachtung. Das Projekt umfasste zudem eine große Ausstellung in der Stuttgarter Gewerbehalle, die von Lilly Reich und Mies van der Rohe gestaltet wurde. In Halle 4 präsentierten sie moderne Wohnraumkonzepte mit viel Glas und spiegelnden Oberflächen, in denen sich die Grenzen von Innen und Außen aufzulösen schienen. Die Modellwohnräume enthielten nur karges Mobiliar. Das bereits auf einem der Ausstellungsplakate durchgestrichene bürgerliche Heim war kräftig entrümpelt worden.
Ein Jahr später wurde in denselben Räumen aus Anlass der Tagung der Deutschen Kolonialgesellschaft in Stuttgart die Kolonialausstellung gezeigt, die ebenfalls das Wohnen thematisierte. Hier ging es allerdings darum, die Lebenswelt und Wohnkultur der Kolonialisierten in rassistischen und rassifizierenden Szenarien als primitiv und rückständig darzustellen – und so die vermeintlich eigene Fortschrittlichkeit und Überlegenheit umso stärker hervorzuheben.
In ihrem Text Othering ausstellen (2023) macht Regine Heß darauf aufmerksam, dass der Gestalter der Kolonialausstellung von 1928, Theodor Wanner, sein Raumkonzept direkt in den Plan von Reich und Mies van der Rohe einzeichnete. Geradezu buchstäblich zeigt diese Geste, wie stark sich Moderne und Kolonialismus durchdringen.

Stuttgarter Sommer 1928:
Kolonialrevisionismus und Nationalismus

Die Kolonialausstellung und ihr Katalog propagieren eine zutiefst revisionistische Haltung gegenüber dem Versailler Friedensvertag (1919), der von Deutschland verlangte, seine Kolonialgebiete abzutreten. In schärfsten Tönen wird dies als Unrecht an der deutschen Bevölkerung dargestellt. In Anlehnung an Hans Grimm, der ursprünglich als Redner der Tagung der Kolonialgesellschaft eingeladen war, wird wiederholt das Bild vom „Volk ohne Raum“ (Grimm) bemüht. Es wird suggeriert, dass die koloniale Aneignung von Gebieten in Afrika Recht und nationale Pflicht der Deutschen sei. Es wird zu einem neuen Aufbruch in die Kolonien aufgerufen, der, laut Reinhard Köstlin, an das dort angeblich bereits herangewachsene deutsche „Herrenvolk“ anknüpfen könne. Die kolonialen Unternehmungen sollen der Nation mehr Jugendfrische verleihen und mehr „Führer“ bescheren.

1928
Oberbürgermeister Karl Lautenschlager im Geleitwort zum amtlichen Führer der Kolonialausstellung Stuttgart
„Durch seine Forscher, seine Wirtschafts- und Kulturpioniere, seine allezeit regsamen und wanderlustigen Söhne ist das Schwabenland aufs Engste mit unserer kolonialen Entwicklung verknüpft. Unsere Industrie hat in steigendem Maße koloniale Rohstoffe verarbeitet und Württemberg war allezeit ein Hort des kolonialen Gedankens.“

1928
Kommerzielle Aussteller*innen der Kolonialausstellung
Stuttgart
Auswahl
Zu den lokalen Firmen, die sich im Rahmen der Kolonialausstellung in der Gewerbehalle präsentierten, zählten laut Katalog u.a. das Reisebüro Rominger, Feinkost Böhm, die Buchhandlung Lindemanns und die Otto-Pflanzung in Kilosa, Tansania. Otto Böhm, der 1889 mit seinem Bruder Alfred das auf Kolonialwaren spezialisierte Lebensmittelgeschäft gründete, war von 1924 bis 1929 Mitglied des Verwaltungsrats des WKV. Die Buchhandlung Lindemanns, die Kolonialliteratur anbot, hatte ihren Sitz im ehemaligen Haus des Gründers des WKV, Gottlob Heinrich Rapp. Mitbegründer der Baumwollplantage von Heinrich Otto war Albert Schwarz, der von 1924 bis 1930 Teil des Verwaltungsrats des WKV war. Bei dem Reisebüro Rominger handelte es sich um das erste Reisebüro Deutschlands. Es war 1842 im Zuge der großen Ausreisewellen Deutscher in die USA von Johannes Rominger in Stuttgart gegründet worden. Theodor Wanners Vater Otto, der Romingers Tochter geheiratet hatte, wurde Teilhaber und später Inhaber der Firma, die in Zusammenarbeit mit der Norddeutschen Lloyd, der Woermann-Linie und der Deutschen-Ostafrika Linie Profit durch den Schiffsverkehr zwischen Deutschland und seinen Kolonien machte. Nach Otto Wanners Tod übernahm sein Sohn das Geschäft.

1928
PRESSA (Presseausstellung), Köln

Die Ausstellung PRESSA, die 1928 in Köln die neusten Entwicklungen aus Fotografie und Printmedien präsentierte, zählt zu den Meilensteinen des modernen Ausstellungsdesigns. Ikonisch wurde der von El Lissitzky gestaltete Pavillon der UdSSR. Auf Initiative von Konrad Adenauer, dem damaligen Kölner Oberbürgermeister – und späteren Präsidenten der Deutschen Kolonialgesellschaft –, wurde im Rahmen dieser Ausstellung auch die Koloniale Sonderschau gezeigt. Sie argumentierte ganz im Sinne von Hans Grimms zwei Jahre zuvor erschienenem Roman Volk ohne Raum, dass Deutschland an Platz- und Rohstoffmangel leide. Deshalb bedürfe es dringend Kolonien in Afrika, das als Raum, der angeblich ohne Bevölkerung sei, dargestellt wird.

1935 –1948
Vorsitzender des WKV
Karl Lautenschlager

(*1868 in Stuttgart; † 1952 ebenda)
Karl Lautenschlager hatte von 1911 bis 1933 in Stuttgart das Amt des Oberbürgermeisters inne. Von 1935 bis 1948 war er Vorsitzender des WKV. Bereits seit den 1910er-Jahren engagierte er sich für den WKV und die Gegenwartskunst in Stuttgart.

2023
Lídia Chaves, Neben dem Kakaofeld

Im Rahmen des Groundbreaking Festivals 2023 erinnerte die Künstlerin Lídia Chaves an die Kolonialausstellung von 1928. Mit Stahlkanten stanzte sie einen Satz aus dem Ausstellungskatalog in den Rasen des Stuttgarter Stadtgartens – dort, wo sich früher die Gewerbehalle befand, in der die Kolonialausstellung zu sehen war: „Neben dem Kakaofeld gleich neben dem Eingang steht ein Geisterhaus.“

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