Tableau: Die ungelösten Probleme der bürgerlichen Gesellschaft

- Gestaltung: Till Gathmann
TEXTE (Auswahl)
1806–1816
Zensur
„In keinem anderen Rheinbundstaat herrschte ein Ausmaß an Zensur, wie in Württemberg unter Friedrich. Die besondere Abhängigkeit von Napoleon erklärt nur ungenügend die Regelung und Knebelung der öffentlichen Meinung bis ins kleinste Detail. Auch in der Zeit vor den sieben Rheinbundjahren hatte sich Friedrich ein zensorisches Instrumentarium zur Unterdrückung jedes kritischen Räsonnements geschaffen, das er bloß zu perfektionieren brauchte … Sechs Wochen nach seinem Tod … wurde Cotta der zensurfreie Druck einer politischen Zeitschrift gestattet.“ (aus: Baden und Württemberg im Zeitalter Napoleons, Ausst.-Kat., Bd. 1.2, S. 816)
1807–1865
Morgenblatt für gebildete Stände, Stuttgart und Tübingen
20 Jahre vor dem WKV gründeten der Verleger Johann Friedrich Cotta und Gottlob Heinrich Rapp das Morgenblatt für gebildete Stände (ab 1837 für gebildete Leser), das einen neuen Zeitschriftentypus einläutete. Es diente, auch durch die Beilage „Kunst-Blatt“, als zentrales Organ der Vermittlung von Fähigkeiten und Maßstäben zur Bewertung von Kunst und Kultur, das sich an das aufstrebende Bürgertum richtete. Das Morgenblatt erschien, neben der politischen Allgemeinen Zeitung, im Verlag der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung. Ein Gros der Chefredakteure gehörte zu den Gründungsmitgliedern des WKV.
Chefredakteur*innen:
1807–1808: Karl Christian Heinrich Grüneisen (Vater von Carl Grüneisen1)
1808–1811: Georg Reinbeck2
1811–1817: Friedrich Haug3
ab 1815: Friedrich Rückert
1817–1823: Therese Huber
ab 1823: Georg Cotta
1824–1826: Johann Friedrich Cotta4
1827: Wilhelm Hauff (veröffentlicht dort Die Bettlerin des Pont des Arts und Jud Süß)
1827: Gustav Schwab5
1828–1865: Hermann Hauff
(1, 4, 5: Gründungsmitglied des WKV
2: Gründungskomitee und -mitglied; 1836–1842 Vorsitzender des WKV
3: Gründungsmitglied und Gesellschaftsausschuss des WKV)
1812
Heinrich Rapp
„Die erste Kunstausstellung in Stuttgart“
in: Morgenblatt für gebildete Stände, 27.5. und 5.6.1812
„Was soll der vollendete Künstler unter einem Haufen, der ihn nicht versteht? Es ist also eine wechselseitige Übung die erste Bedingung für das wahre Gedeihen des großen Bildungsgeschäftes; und nichts kann dieses schneller befördern, als wenn dem Publikum die Wege geöffnet werden, durch Sehen und Vergleichen zur Kenntnis, und von der Kenntnis zum Urteil zu gelangen. Aus diesem reinen und wahren Gesichtspunkt betrachtet, sind öffentliche Kunstausstellungen äußerst wohlthätig …“ Über drei Ausgaben des Morgenblatts folgen Beschreibungen der ausgestellten Werke und Kunsthandwerksobjekte. Auch die Teilnahme von Luise Duttenhofer wird erwähnt. Es war Rapp selbst, der die erste Kunst- und Industrieausstellung in Stuttgart initiiert hatte.
um 1820
Anonym, Der Denker-Club. Auch eine neue deutsche Gesellschaft
Karikatur auf die Meinungsfreiheit in Deutschland
linkes Schild: „Wichtige Frage welcher in heutiger Sitzung bedacht wird: Wie lange mochte uns das Denken wohl noch erlaubt bleiben?“
rechtes Schild: „I. Der Präsident eröffnet präcise 8 Uhr die Sitzung / II. Schweigen ist das erste Gesetz dieser gelehrten Gesellschaft / III. Auf dass kein Mitglied in Versuchung geraten möge, seiner Zunge freyen Lauf zu lassen ... so werden beim Eintritt Maulkörbe ausgeteilt / IV. Der Gegenstand, welcher in jedesmaligen Sitzung durch ein reifes Nachdenken gründlich erörtert werden soll, befindet sich auf einer Tafel mit großen Buchstaben deutlich geschrieben / V. Jedes Mitglied dieses Vereins [Rest verdeckt]“
1826–1830
Heinrich Heine, Reisebilder
„Was ist aber diese große Aufgabe unserer Zeit? Es ist die Emanzipation. Nicht bloß die der Irländer, Griechen, Frankfurter Juden, westindischen Schwarzen und dergleichen gedrückten Volkes, sondern es ist die Emanzipation der ganzen Welt, absonderlich Europas, das mündig geworden ist, und sich jetzt losreißt von dem eisernen Gängelbande der Bevorrechteten, der Aristokratie.“ (Kapitel 29, Bd. 3, 1830). Heinrich Heine spielt u.a. auf den Aufstand versklavter Menschen in der französischen Kolonie Saint-Domingue von 1791 an, der am 1. Januar 1804 zum unabhängigen Staat Haiti führt. Westlich geprägte Autor*innen dieser Zeit differenzieren, wie auch Heine hier, nicht zwischen der rassistischen Unterdrückung der Kolonisierten durch die bürgerlichen Kolonialist*innen und den rigiden Machtstrukturen, die zwischen europäischen Bürger*innen und ihren Regierenden herrschen.
1827
Gründungsmitglied des WKV
August Friedrich Köstlin, ab 1846 von
(*1792 in Nürtingen; † 1873 in Stuttgart)
Der politische Werdegang des Juristen August Friedrich Köstlin führte ihn bis in den Geheimen Rat. Als er sich gegen dessen hartes Vorgehen gegenüber Beamten, die die Revolution von 1848 unterstützt hatten, positionierte, verlor er diesen Posten. Ab 1861 wirkte er als Kultusminister. Durch seinen Bruder Heinrich lernte er Gustav Schwab und andere Protagonist*innen der Schwäbischen Dichterschule kennen, der er sich anschloss.. Zeitweilig unterstützte er die Reformbemühungen seines Bruders in zwei psychiatrischen Anstalten. Darüber hinaus engagierte er sich auf verschiedenen Ebenen für die Kunst. Neben seiner ehrenamtlichen Tätigkeit für den WKV war er von 1842 bis 1867 im Nebenamt Direktor der staatlichen Kunstschule (heute Kunstakademie Stuttgart) sowie der staatlichen Kunstsammlungen (heute Staatsgalerie Stuttgart).
Köstlin war Schwager von Henriette Köstlin, einer Tochter Gottlob Heinrich Rapps. Sein Sohn Karl, Initiator und Vorstand des Heilbronner Kunstvereins, leitete das seinerzeit hochmoderne Zellengefängniss in Heilbronn. Seine Ururgroßnichte Ulrike Meinhof starb 1976 im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim. Sein Ururgroßcousin Reinhard Köstlin (1875–1957) war ab 1905 als Kolonialbeamter in Deutsch-Ostafrika tätig und veröffentlichte 1928 einen Beitrag im Katalog der Stuttgarter Kolonialausstellung.
1830er Jahre
Französische Zustände: Die Birne
In Frankreich hatte der nach der Julirevolution von 1830 herrschende „Bürgerkönig“ Louis-Philippe die Freiheit der Rede proklamiert. Die Belastbarkeit dieser Aussage wurde sogleich von dem Journalisten und Künstler Charles Philipon und seinen Mitstreitern bei der im selben Jahr gegründeten Wochenzeitschrift La Caricature auf die Probe gestellt. In einem ersten Gerichtsverfahren, bei dem es um die Grenzen der Karikatur des Königshauptes ging, versuchte Philipon die Geschworenen mithilfe einer Skizze davon zu überzeugen, dass die Darstellung des Königs, nur weil sie einer Birne ähnele, nicht bestraft werden könne. Philipon wurde verurteilt und revanchierte sich, indem er die selbige Skizze, in der der Kopf des Königs sich schrittweise einer Birne annähert, in seiner Zeitschrift abdruckte. Er landete erneut vor Gericht. Dennoch wurde die Birne zu einem weithin beliebten Motiv, um sich über den König lustig zu machen. Es ging sozusagen viral.
1832 gab Philipon mit Le Charivari ein weiteres Satiremagazin heraus, das ebenfalls
Gegenstand eines Gerichtsverfahrens wurde. Die gesetzliche Auflage, das Gerichtsurteil in der Zeitschrift selbst abzudrucken, beantwortete Philipon damit, dass er das Urteil in Gestalt einer Birne abdruckte.
1831–1832
Heinrich Heine aus Paris
Heinrich Heine berichtet Ende 1831 in einem Artikel seiner für die Allgemeine Zeitung verfassten Reihe „Französische Zustände“ ausführlich über die Pariser „Birnen-Affäre“. In einem darauffolgenden Beitrag schreibt er: „Der Temps bemerkt heute, daß die Allgemeine Zeitung jetzt Artikel liefere, die feindselig gegen die königliche Familie gerichtet seien, und daß die deutsche Zensur, die nicht die geringste Äußerung gegen absolute Könige erlaube, gegen einen Bürgerkönig nicht die mindeste Schonung ausübe. Der Temps ist doch die gescheiteste Zeitschrift der Welt! Mit wenigen milden Worten erreicht er seine Zwecke viel schneller als andere mit ihrer lautesten Polemik. Sein schlauer Wink ist hinreichend verstanden worden, und ich weiß wenigstens einen liberalen Schriftsteller, der es jetzt seiner Ehre nicht angemessen hält, unter Zensurerlaubnis gegen einen Bürgerkönig die feindliche Sprache zu führen, die man ihm gegen einen absoluten König nicht gestatten würde.“ (in: Allgemeine Zeitung, Cotta’sche Verlagsbuchhandlung, 1832)
1831
Heinrich Heine schreibt im Morgenblatt für gebildete Stände über Eugène Delacroix‘ Gemälde La liberté guidant le peuple (1830)
1832–1842
Familie Hartmann-Reinbeck
Mitbegründer und Vorsitzende des WKV
In Stuttgart sprach man nicht von Salons, sondern von „offenen Häusern“. Dazu zählten u.a. die Häuser der Familien Rapp, Dannecker, Cotta, Hartmann und Reinbeck. Eine Interieurdarstellung des Hartmann-Reinbeckschen Hauses zeigt die große Kunstsammlung der Hausherren und -damen: Johann Georg August von Hartmann, Gründungsmitglied und auf Rapp folgender Vorsitzender des WKV bis 1836, seine Frau Mariette, ihre Tochter Emilie und deren Mann Georg von Reinbeck, ebenfalls Gründungsmitglied des WKV, dem er im Anschluss an seinen Schwiegervater bis 1842 vorsaß. Mit Reinbeck gab es erstmals den Beschluss, im WKV auch Werke von „Ausländer*innen“ anzukaufen, was sich damals auf Künstler*innen aus Städten außerhalb Württembergs wie München oder Düsseldorf bezog. Emilie Reinbeck hatte Erfolg als Landschaftsmalerin. Ihre Werke waren oft im WKV vertreten.
1976
Deutsche Zustände: Im Gedenken an Günter Routhier
Die „Zusammenhänge zwischen kulturellen und politischen Vorgängen darzustellen, gehört seit Jahren zu den wesentlichen Zielen der Ausstellungstätigkeit des Württembergischen Kunstvereins“ schreibt Tilman Osterwold, Direktor des WKV von 1973 bis 1993, im Vorwort zum Katalog der Ausstellung Die politische Lithographie im Kampf um die Pariser Kommune von 1976. Er weist ferner darauf hin, dass ein Großteil der gezeigten Lithografien von dem Frankfurter Sammler Helmut Poetter stammt, der sie im Anschluss an die Ausstellung der Volkrepublik China schenken wolle: aus Anlass ihres 25-jährigen Bestehens. Und als wäre das nicht bereits bemerkenswert genug, findet man am Ende des Kataloges ein kommentarlos abgedrucktes Schreiben der Staatsanwaltschaft Duisburg vom selben Jahr, das sich an den Kommunisten Gerhard Schneider richtet, der zur Frankfurter Arbeitsgruppe der Ausstellung gehörte. Der Romanistikprofessor, der wegen seiner Nähe zur KPD 1975 von seinem Hochschuldienst an der Universität Frankfurt suspendiert worden war, hatte sich öffentlich zum Tod des Arbeiters Günter Routhier geäußert. Routhier war 1974 an den Folgen eines Polizeiübergriffs im Duisburger Arbeitsgericht gestorben. Der Vorfall löste damals eine breite Welle des Protests aus und wurde von vielen Linken, darunter auch von Schneider, als Mord bezeichnet, was zahlreiche Prozesse nach sich zog. Das Schreiben der Staatsanwaltschaft kündigt ein Ermittlungsverfahren gegen Schneider „wegen Verunglimpfung des Staates und Beleidigung“ an und enthält zudem eine Stellungnahme des Beschuldigten.
1984
Olaf Metzel, Stammheim
Die Skulptur entstand 1984 im Rahmen der Gruppenausstellung Kunstlandschaft Bundesrepublik. Der Schriftzug „Stammheim“ wurde noch während der Ausstellung von Unbekannten teilweise übermalt. Metzel akzeptierte dies als Reaktion auf seine Arbeit. Er hat die Skulptur nie abgebaut. 2001 sollte sie auf Betreiben des baden-württembergischen Finanzministeriums abgerissen werden – angeblich um das Gebäude wieder „im Originalzustand“ herzurichten. Erst durch eine weitreichende Protestwelle konnte der Abriss verhindert werden.
2005
Deutsche Zustände: Im Gedenken an Oury Jalloh
Am 7. Januar 2005 wurde der Geflüchtete Oury Jalloh in einer Gefängniszelle in Dessau durch Polizeigewalt getötet. Obwohl dies durch zahlreiche Beweise belegt ist, wird die Tat von staatlicher Seite abgestritten. Oury Jalloh – Das war Mord!
