Themenbereiche: 200 Jahre Gegenwart. Konstellation 1
Nationenbildung und bürgerlicher Souverän
Gründete die Aristokratie ihre Macht auf dem Blut, das dank „Gottesgnaden“ durch ihre Adern floss, bedurfte das aufstrebende Bildungs- und Besitzbürgertum im 19. Jahrhundert anderer Formen der Legitimation und neuer identitätsstiftender Narrative. Neben der wachsenden ökonomischen und politischen Macht, spielte dabei die Nationenbildung, basierend auf der Idee des bürgerlichen Geburtsrechts, eine zentrale Rolle. Kultur und Geschichte lieferten dabei die notwendigen Erzählungen einer vermeintlich homogenen Gemeinschaft: einer, wie Benedict Anderson es formuliert, „vorgestellten Gemeinschaft.“ Die bildende Kunst wurde in diesem Zuge zur Folie nationaler Identität, individueller Freiheit und liberaler Märkte. ?
Nationale Konstruktionen sind zugleich Konstruktionen von Differenz, die auf den im 19. Jahrhundert systematisierten Erfindungen von Geschlecht und race fußen. Diese bringen die „ungelösten Probleme der bürgerlichen Gesellschaft“ ebenso hervor, wie die Gewalt der Sklaverei und Kolonien. Zentrales kulturelles Instrumentarium europäischer Differenzbildung sind Weltausstellungen.
Nicht neutral
Mit den Direktoren Uwe M. Schneede (1969–1973) und Tilman Osterwold (1973–1993) politisierte sich das Programm des WKV im Zuge der „1968er-Bewegungen“. Die politisch aktivistische Kunst der sogenannten Zwischenkriegsmoderne (Grosz, Heartfield), das problematische Erbe der Kunst des Faschismus, der „Ost-West-Konflikt“ oder die emanzipatorischen wie ästhetischen Potenziale revolutionärer Bewegungen wurden thematisiert. Osterwold betonte 1976: „Zusammenhänge zwischen kulturellen und politischen Vorgängen darzustellen, gehört seit Jahren zu den wesentlichen Zielen der Ausstellungstätigkeit des Württembergischen Kunstvereins.“ Mit Andreas Jürgensen (2001–2003) rückte die Institutionskritik in den Vordergrund. Ab 2005 wurden die gesellschaftspolitischen Kontexte der Künste aus Perspektiven „nicht-westlicher“, feministischer und anderer kritischer Praktiken reflektiert. Die Geschichte des WKV seit den 1960er Jahren zeigt, dass dieser sich immer wieder deutlich zu aktuellen politischen Missständen positioniert hat.
Methoden zur Durchbrechung linearer Denkweisen

- Foto: Hans D. Christ
Bei seiner Annäherung an 200 Jahre Gegenwart möchte der WKV lineare Zeitkonzepte und Denkweisen durchbrechen: durch anachronistische, auf Brüchen, Abschweifungen, Lücken und Überlagerungen basierenden Erzählweisen. Die Methoden einer Reihe von Künstler*innen, die im WKV ausgestellt haben, sind dabei einer der Ausgangspunkte und Lernmodelle: von Ferdinand Kriwets spiralförmigen textbasierten Werken, über Ricardo Basbaums derivierendes Raumdiagramm bis zu Anna Oppermanns Ensemblekunst. Zu ihren Werken sagte Oppermann 1979: „Was man auf den Abbildungen [meiner Werke] nicht erkennt, ist, dass hier nicht nur unterschiedliche Bildebenen, Realitätsebenen, Ausdrucksformen, Medien zusammen arrangiert sind, sondern auch Darstellungen – visualisiert oder artikuliert – verschiedener Bewusstseinszustände, Bewusstseinsebenen, Bezugssysteme (Bewertungsräume), Metaebenen. Weniger prätentiös, aber ungenauer, könnte man sagen: Es gibt nebeneinander Offenes – Geschlossenes, Unfertiges – Fertiges, Irrationales – Rationales, Triviales – Elitäres, Privates – Allgemeines, Albernes – Brutales, Tradiertes – Progressives, Geheimnisvolles – Klares, Dummes – Kluges, Kitschiges, Sinnliches, Idyllisches, Abstraktes – Theoretisches (Wissenschaftliches).“
Zur Lage der Dinge

- Foto: Hans D. Christ
Die Lage bezeichnet ein räumliches Verhältnis von Dingen zueinander – eine Konstellation. Der WKV liegt im Zentrum einer typischen mitteleuropäischen Großstadt. Selbst in einem repräsentativen Gebäude untergebracht, umgeben ihn ein zentraler Platz (Schlossplatz), Institutionen der Landespolitik (Landtag, Neues Schloss) und Hochkultur (Oper, Schauspiel, Kunstmuseum), Herrschaftssymbole (Jubiläumssäule für König Wilhelm I.) sowie Kommerz (Königstraße), Erholung (Park) und Spektakel (Schlossplatz, Park). Zugleich sind diese Räume charakterisiert durch die Nutzung diverser Öffentlichkeiten und Ökonomien, durch politische Kämpfe sowie durch polizeiliche Kontrolle und Racial Profiling.
[…] als hätten Fliegen Elefanten geboren

- Foto: Hans D. Christ
„Die Begrenztheit des einzelnen Menschenlebens widerlegt Besitz als ein konstituierendes Prinzip des menschlichen Zusammenlebens mit der gleichen tödlichen Sicherheit, mit der die Begrenztheit des Erdballs Expansion als ein Prinzip politischen Handelns widerlegt.“
(Hannah Arendt, in: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 1951)
Alice Widensohler

- Foto: Hans D. Christ
(* 1898 in Hamburg, † 1969 in Stuttgart)
1946–1965: Geschäftsführerin und Konservatorin des WKV
Alice Widensohler ist die erste Frau, die den WKV leitet. Sie wird nach dem Zweiten Weltkrieg als Geschäftsführerin und Konservatorin eingestellt. In dieser Rolle übernimmt sie einen Trümmerhaufen, sucht nach provisorischen Ausstellungsräumen, organisiert den Wiederaufbau des Kunstgebäudes in der Schellingstraße (1888–1913 Sitz des WKV) und später des Kunstgebäudes am Schlossplatz. Nachdem der WKV 1961 das neue Haus am Schlossplatz bezogen und sich die Situation stabilisiert hatte, übernahmen ab 1965 bis 2005 wieder Herren die Leitung. In der Festschrift zum 150-jährigen Jubiläums des WKV (1977) wird das Ausstellungsprogramm von Widensohler im Kontext der bundesweiten nachgeholten Moderne eingeordnet. Diese verkürzte Darstellung ignoriert die nachhaltige Wirkung, die ihr Programm offenkundig auf die Sammlungen der Staatsgalerie und Galerie der Stadt Stuttgart, heute Kunstmuseum, hatte.
Zeithistorisch interessant sind die Anmerkungen auf den Ausstellungsplakaten der Jahre 1946 und 1947: „Herausgegeben mit Genehmigung der Publications Control Branch, ICD, OMG Württemberg-Baden.“ Die ICD, Information Control Division, war eine Zensurabteilung der amerikanischen Besatzungszone. OMG steht für Office of Military Government for Germany.
Ausblicke auf kommende Anschlüsse (Nachkriegskontexte)

Obsoleszenz
Der Erste Weltkrieg war auf fürchterlichste Art der erste medial, mechanisch dominierte Krieg. „Menschenmassen, Gase, elektrische Kräfte wurden ins freie Feld geworfen, Hochfrequenzströme durchfuhren die Landschaft, neue Gestirne gingen am Himmel auf, Luftraum und Meerestiefen brausten von Propellern, und allenthalben grub man Opferschächte in die Muttererde.“ (Walter Benjamin, Einbahnstrasse, Berlin 1928, S. 81)
László Moholy-Nagy: Militärtechnologie
„Moholy-Nagy wurde im Laufe seiner Arbeit in der Aufklärung in der Anwendung einer Reihe von Technologien geschult, von der Telegrafie und Telefonie bis hin zur Verwendung von Zielfernrohren und Lupen, was sich zweifellos auf seine spätere Arbeit auswirkte. Militärstrateg*innen und Avantgardist*innen erkannten gleichermaßen die Dringlichkeit, Menschen darin zu schulen die objektive Wahrheit, die durch Technologie ans Licht gebracht wird, zu erfassen und darauf zu reagieren.“ (Joyce Tsai, László Moholy-Nagy. Painting after Photography, Washington, USA, 2018, S. 47)
New Yorker Schule
Auf dem Gebiet der Bildenden Künste trat Frau Moholy-Nagy vor deutschem Publikum auf, um über das Werk ihres verstorbenen Gatten László und über jene Richtung zu sprechen, die das New Bauhaus in Chicago (1950) eingeschlagen hatte. Ihr Vortrag war, so ein Journalist, „ein sehr informativer Beitrag zu unserem nur lückenhaften Begriff von amerikanischer Kultur und Kunst“. Vertieft wurde dieser Begriff durch eine Ausstellung abstrakter Gemälde aus dem Guggenheim Museum, dem ersten von der Regierung geförderten Auftritt der auch unter dem Begriff abstrakter Expressionismus bekannten New Yorker Schule.“ (Joyce Tsai, László Moholy-Nagy. Painting after Photography, Washington, USA, 2018, S. 34)
Fernand Léger / László Moholy-Nagy: Freie Märkte
„Léger und ich [Moholy-Nagy] erinnerten uns heute bei einer Flasche Rosé des schauerlichen Festessens im Chicago Art Club anlässlich der Plakatausstellung der Container Corporation. Léger machte den Hauptredner glänzend nach, der sich als Popularitätsforscher einer großen Werbeagentur vorstellte. Er berichtete mit Stolz und Sarkasmus, wie die Designs von Moore, Helion, Kepes, Bayer und anderen Künstlern in Plus- und Minus-Punkten zur Popularität kommerzieller Künstler ständen. Wir waren offensichtlich beide beschämt, dass wir nur unter dem Tisch gegen diese Travestie protestiert hatten. Mir ist ganz klar, dass die Werbechefs großer Firmen namhafte Künstler nur darum kaufen, um Reklame für Reklame zu machen und damit die Mittelmäßigkeit ihrer üblichen Anzeigen zu verschleiern. Die Provokation der modernen Kunst wird durch Checkbuch und Cocktailparty ständig abgestumpft. Gehe ich in den gleichen Weg?“ (Brief von László an Sibyl Moholy-Nagy, 26.4.1944, S. 177)
Freiheit und Nation „Kongress für kulturelle Freiheit“
„Während der Hochphase des Kalten Krieges investierte die US-Regierung enorme Summen in ein geheimes Programm, das der kulturellen Propaganda Westeuropas diente. Gesteuert wurde es vom CIA. Das Kernstück dieser geheimen Kampagne war der Kongress für kulturelle Freiheit, der in den Jahren 1950 bis 1967 stattfand. Henry Kissinger nannte es eine Art Aristokratie, dem Dienst an der Nation verpflichtet und darum an Prinzipien jenseits parteilicher Loyalitäten orientiert.“ (aus: Frances Stonor Saunders, Wer die Zeche zahlt. Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg, 2001, S. 13ff)
Zygmunt Baumann: Lebenserwartung
Der zerstörerische Kern unserer Moderne scheint darin zu bestehen, dass der Mensch mit seinem individuellen Leben, wie Zygmunt Baumann ausführt, die einzige Spezies ist, deren Lebenserwartung zuungunsten aller anderen Wesen kontinuierlich steigt – wobei die tatsächliche Überlebensfähigkeit des Individuums bekanntlich, je nach sozialer und globaler Lage, stark variiert.
Seit den 1970er Jahren wurde versucht, diesem negativen Ausblick mit kritischen, selbstermächtigen und kollektiven Aktionen auch im Württembergischen Kunstverein zu begegnen.


